Dunkle Geheimnisse? Geheimnisse im Dunklen?



Es ist Abend. Alle Welt sitzt zuhause vor dem Fernseher und dreht den Hauptabendfilm auf. Oder tut sonst was. Ich setze mich kurz ins Auto und muss noch mal weg. Beim Vorbeifahren sehe ich die Muse und den Schweinehund am Fenster stehen und ratlos zusehen, wie ich Gas gebe und im Nebel verschwinde.

Als ich eine halbe Stunde später nach Hause komme, stehen sie wieder da. Auch der Ernst hat sich dazu gesellt. Sie wollen wissen, wo ich war. Warum ich so spät am Sonntagabend nochmal weg fahre. Mich erheitert das.
„Seid nicht so neugierig! Ich musste nur schnell was erledigen.“ Ich gebe mich ein wenig geheimnisvoll. Das reizt die drei und mir macht es Spaß.
„Ich wollte aber mitfahren“, raunzt die Muse. „Sonst nimmst du mich auch immer mit.“
„Nein, ich nehme dich nicht immer mit. Und ich habe mich mit jemandem getroffen und wollte mich in Ruhe unterhalten.“
„Was willst du damit sagen?“, piepst die Muse, „Dass ich dauernd störe? Oder was!“
„Ja. Genau das!“, wirft der Schweinehund ein und setzt noch eins drauf: „Du musst nicht immer und überall die Nummer Eins sein!“
Die Muse ist beleidigt und zieht einen Flunsch. Jetzt setzt der Schweinehund das Verhör fort.
„Warst noch schnell tanken?“
„Ach was“, sagt der Ernst, „das hat sie doch gestern erst gemacht. Der Tank ist voll. Außerdem hat sie ja gesagt, dass sie jemanden getroffen hat.“
Der Schweinehund lächelt anzüglich und flüstert: „Hast dich mit einem Freund getroffen?“
Ich pruste erheitert los. Der Ernst aber bleibt ernst. „Mach dich nicht lächerlich. Wegen einer halben Stunde trifft man sich nicht auf ein Tête-à-tête. Das ist ja total witzlos.“
Der Schweinehund grunzt vor sich hin, von wegen dem Ernst und weil der was von Affären verstünde und überhaupt soll er sich nicht so wichtig machen, weil er das durchaus verstehen könnte, wenn wegen einer halben Stunde und so und überhaupt.
„Geht’s euch noch gut? Ich habe zuhause drei Männer, da tu ich mir doch keinen vierten an. Da galoppiert gerade die Fantasie mit euch durch. He, ich habe mich mit einer Freundin getroffen. Sie hatte wenig Zeit und deshalb waren wir nur kurz am Parkplatz, weil sie mir was mitgebracht hat.“ Ich gebe mich entrüstet, bin aber jetzt so richtig erheitert, was für wilde Gedankenkonstrukte sie da bauen. Mal sehen, was ihnen noch einfällt.
Die Muse ist aufgeregt. „Ihr habt euch auf dem Parkplatz getroffen und etwas übergeben?? Echt jetzt? Irgendwo in einer finsteren Ecke, wo die Straßenlaterne zerbrochen ist und um die Ecke die Hunde böse heulen. Zuerst kommt dein Auto, dann das andere. Ihr steigt aus, begrüßt euch knapp und ernst …“
„Was ist mit mir?“, schreckt der Ernst auf.
Ich grinse. „Ich habe mich mit einer Freundin getroffen. Der Parkplatz war gut ausgeleuchtet. Es gibt da keine Straßenköter und die Lampe hat sehr gut funktioniert. Wir haben uns übrigens sehr herzlich begrüßt. Und von dir, lieber Ernst, haben wir jetzt gar nicht geredet.
Es folgt irgendein Gebrummel aus der Ernst-Ecke. Die Muse lässt nicht locker.
„Was habt ihr getauscht? Sicher irgendwas Verbotenes. Sonst müsstet ihr euch ja nicht auf dem finsteren Parkplatz treffen. Sag schon, was war es?“
„Es war aber nicht finster. Und verboten war da auch nichts. Ich war letzte Woche auf der Kunsthandwerks-Ausstellung und habe mir da einige Sachen angesehen und mir dann nicht gekauft. Später hat es mir leid getan und ich habe sie gebeten, dass sie mir die Sachen mitnimmt.“
Der Schweinehund hat bisher still zugehört. Jetzt schlägt er in dieselbe Kerbe wie die Muse. „Ahhhh. Das war irgendwas Seltenes, das es kaum gibt, das man so nicht handeln darf. So wie geschmuggelte Ming-Vasen. Sie hat dir die Vase gebracht, du hast ihr ein Bündel rosa Scheine rüberwachsen lassen. Dann seid ihr in eure Autos eingestiegen und im kalten Nebel der Nacht davon gebraust.“
„Wow. Echt! Wow! Frau Vro kauft Hehlerware auf einem finsteren Parkplatz. Ich pack es nicht!“, sitzt die Muse fassungslos da. „Und ich bin nicht dabei!! Das ist unfassbar. Einmal passiert was und du lässt uns daheim sitzen. Das hätte ich nicht von dir gedacht.“
„Frau Vro, du musst eine Selbstanzeige machen. Das ist strafbar“, mischt sich der Ernst ein. Er ist ein bisschen bleich um die Nase. Er will mit Verbrechen nichts zu tun haben. Langsam beginnen sie mich jetzt trotzdem zu nerven. Egal wie lustig das anfangs auch war.
„Ich habe keine Ming-Vase geschmuggelt. Es waren zwei Keramik-Teelichter von einem Künstler aus Lettland. Sehr hübsche sogar. Mit Sand aus dem baltischen Meer auf der Glasur drauf. Und es war verdammt nochmal nicht finster. Es gab keine bellenden Hunde. Es gab auch kein Bündel rosa Scheine. Es war ein Zwanziger. Basta.“
„Ein Zwanziger! So wenig braucht man für eine Ming-Vase. Und geschmuggelt wird über Lettland …“, haucht die Muse. Der Schweinehund stimmt ihr grimmig zu, dass nicht mal mehr Ming-Vasen einen Wert hätten.
„Wieso kennst du Leute aus Lettland?“, will der Ernst wissen. Er zerbricht sich den Kopf, aber kommt nicht drauf. Ich verdrehe die Augen nach oben. Erkläre ihm, dass ich den gar nicht wirklich kenne, nur von letzter Woche, als ich selber da war. Währenddessen krame ich in der Tasche. Ich konnte mir noch immer nicht Jacke und Schuhe ausziehen, weil mich die drei so belagern. Ich will nur die zwei Teelichter aus der Tasche nehmen, aber die Muse ist mittlerweile so überreizt, dass sie denkt, ich ziehe eine Knarre hervor. Sie kreischt auf und versteckt sich hinter dem Ernst. Der macht vor Schreck einen Schritt zurück und fällt rücklings über den Schweinehund. Jetzt kugeln sie alle drei vor mir auf dem Boden.
Ich atme super-genervt und laut hörbar aus: „Hach!“, werfe die Arme hoch und lasse sie wieder sinken. Schüttle den Kopf und steige über die drei drüber. Mir reicht es.
„Aber denkst du nicht, dass wir die Polizei …“, begehrt der Ernst schwach auf. Ich drehe mich um und werfe ihm einen mörderischen Blick zu. Er verstummt augenblicklich. Meine Stimme ist kaum mehr als ein bedrohliches Flüstern.
„Ich sage das jetzt zum letzten Mal. Ich habe mich mit einer Freundin getroffen. Sie hat mir ein paar hübsche Sachen auf der Ausstellung besorgt. Wir haben uns nur schnell am Parkplatz getroffen. Sie ist müde vom Ausstellen, sie will nach Hause und das war der günstigste Treffpunkt. Die Laterne hat hell geleuchtet. Ich habe nirgendwo Hunde bellen gehört. Und wenn ich jetzt noch ein Wort wie Schmuggeln, Dealen oder sonst was höre, dann passiert was. Wir haben finstere Nacht, gruseligen Nebel und ganz in der Nähe einen tiefen Stausee. Das Auto ist startbereit und ich habe mittlerweile eine Mordslaune. Muss ich noch mehr sagen?“
Vom Boden herauf blicken mich drei schreckgeweitete Augenpaare an. Sie nicken eingeschüchtert. Der Ernst legt schützend seine langen Arme um Muse und Schweinehund. Die Muse zieht er ein wenig näher an sich heran als den Schweinehund. Der Ernst öffnet den Mund, sieht mich den Finger heben und schließt ihn wieder. Stille.
Ich drehe mich um und gehe ins Haus. Für heute habe ich genug von Gangstergeschichten.

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