Von alten Schlössern und dreckigen Autos.

Das Auto vom besten Kollegen ist dreckig. Total. Das habe ich gesehen, als ich in die Arbeit gekommen bin und sein Auto schon da stand. Ich bin so fassungslos, dass ich sogar eine Runde ums Auto drehe, weil ich es nicht glauben kann. Weil nämlich … Also der Kollege ist ein sehr ordentlicher welcher. Sein Auto ist nicht dreckig. Nie! Meins ist dreckig. Immer! Das ist schon fast so etwas wie ein Naturgesetz. Aber doch nicht seins. Ehrlich! Das bringt mein gesamtes Weltbild durcheinander. Ich hoffe jetzt nur, er nimmt es mir nicht übel, weil ich das hier so breit trete.
Und dann erklärt er mir, dass sie da auf diesem Fest waren. In dem Schloss. In Engelstein. Dass es geregnet hat und gatschig war. Dass ihm das noch gar nicht aufgefallen ist. Ich sehe dieses Schloss schon lange mit begierigen Knipser-Augen an, wenn ich manchmal vorbei fahre.  Aber ich konnte bis jetzt noch nie die Zufahrt finden. Sein Auto ist so nebenbei gesagt übrigens noch die ganze restliche Woche dreckig. Was mich schon stört. An meinem stört mich so etwas weniger. Aber wie schon gesagt … mein schiefes Weltbild und so. Eigentlich gehört das in Ordnung gebracht. Obwohl es mich ja jetzt eigentlich nichts angeht. Aber trotzdem.
Jetzt hat es sich so ergeben, dass ich freitags am freien Tag um 7h die Mannen aus dem Haus geschmissen habe. Schule und Arbeit. Madame hat frei, um sich hingebungsvoll dem Haushalt zu widmen. Bei freier Zeiteinteilung ist die Gefahr groß, dass ich mich wichtigeren und vor allem angenehmeren Dingen widme. Es ist nämlich im Südwesten noch nebelig verzogen und im Osten kommt schon die Sonne strahlend hoch. Die Sonne lacht mich freundlich an, der Haushalt nicht. Super Gelegenheit für prächtige Fotos. Wenn ich nämlich in der Früh in die Firma fahre, dann habe ich oft großartiges Naturkino. Mit dramatischen Wolkentürmen und verspielt lila-rosa Sonnenaufgängen im Rücken. Nur nehme ich mir da nie die Zeit zum Anhalten und Knipsen. Weil ich da ja in die Arbeit fahre. Obwohl es bei Gleitzeit ja echt egal ist, ob ich zehn Minuten später komme. Aber irgendwie tu ich das dann ja nie. Und die Kamera ist auch oft daheim liegen geblieben.
Neuerdings nehme ich das Auto anstelle des Fahrrads. Ich fahre los und lasse meinen Blick über die Landschaft schweifen. Irgendwo muss da ja noch ein Rest vom Nebel sein, wie er leuchtend grau zwischen den Wäldern hängt. Aber eh klar, heute ist da gar nichts. Ich bin fast eine Stunde später dran. Es ist nicht mehr so frostig wie in den letzten Tagen. Die Landschaft gibt sich hübsch, durchaus. Aber so malerisch wie sonst eben nicht. Naja, fahr ich eben noch ein bisserl weiter. Ist auch schon egal.
Letztlich bin ich schon zwei Drittel des Weges in Richtung Firma gefahren. Ich erinnere mich an das alte Schloss, von dem der Kollege geredet hat. Das ich schon öfter mal näher ansehen wollte und nie wusste, wie ich da ran komme. Vor lauter Schauen fahre ich wie die Uralt-Urstrumpftante. Gut, dass um die Zeit kaum wer unterwegs ist. Und dann stehe ich da. Vor dem Schloss. Oder eigentlich hinter dem Schloss. Es ist riesig. Viel größer, als es von der Straße aus ausgesehen hat. Ein Teil ist privat und nicht zu besichtigen. Der Rest baufällig. Ich sehe Mauerreste und  Höfe, an deren einer Wand ganze Gebäude fehlen. In meinem Kopf baue ich alles wieder zu einem Gesamten auf. Das hier ist ein altes großes Anwesen im Niedergang. Rundum Fischteiche. Mir gefällt das sehr. Einsam. Alt. Still. Auch wenn man wohl einen Goldesel bräuchte, um das ordentlich zu erhalten. Einen großen Goldesel mit einer guten Verdauung im Optimalfall.
Und so schlendere ich die Wege entlang, fühle mich ein bisschen wie ein Eindringling, gehe über Wiesen und große Innenhöfe. Schaue durch Fenster und Tore. Direkt hinein kann ich nicht, weil es in Privatbesitz und bewohnt ist. (Ich würde das auch nicht wollen, wenn da dauernd Schaulustige in meinem Haus herumkrabbeln und überall reingaffen.) Entdecke einen Teich und dann noch einen Teich. Ein Hund kommt mir mit seinem Besitzer entgegen und meint mich heftig ausbellen zu müssen.
Von einem verfallenen Wirtschaftsgebäude stehen nur noch die Seitenwände, innen wachsen schlank Erlen und Haselsträucher in die Höhe. Und es steht ein Trampolin hier. Das ist ein eigenartiger Stilbruch. Als lebte hier eine Familie inmitten einer halben Ruine. Vielleicht ist es so. Ich weiß es nicht. Ein paar Schritte weiter sehe ich ein selbst zusammengebasteltes Fahrzeug, das offenbar keiner mehr verwendet. Das muss ordentlich gerumpelt haben, wenn man damit über die Wege gefahren ist. Ein Kaufmannsladen aus Holz mit einer Türklinke, die irgendwann aus einer anderen Tür ausgebaut wurde. Dinge zusammengebastelt aus anderen nicht mehr gebrauchten Dingen. Eine seltsame Melancholie liegt über dem Ganzen. Aufstieg und Fall. Wenn man so will.
Schließlich eine letzte Rosenblüte, dickköpfig hat sie den Frösten der letzten Tage getrotzt und  hebt sich rot von der Bruchsteinmauer ab. Ich gehe zurück zum Auto, fahre ein paar Kilometer weiter zu einer Freundin. Ich werde zum Frühstück eingeladen und höre von der tragischen Geschichte der jetzigen Schlossbewohner. „Unter jedem Dach ein Ach!“, kommt mir in den Sinn. Vielleicht verstärkt das noch den deprimierenden Eindruck der ganzen Anlage. Dieser einst wirklich großen Anlage. 

Das Schloss eignet sich perfekt für düstere Bilder und ebensolche Geschichten. Das wirklich beste aller Bilder davon zeige ich euch aber heute nicht. Ich finde es wirklich hoffnungslos düster. Was sich doch mit ein wenig Nachbearbeitung aus Fotos so alles machen lässt. Aber das hebe ich mir wie gesagt für ein anderes Mal auf.

für ein anderes Mal

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