Story-Samstag: Die Erscheinung.

TanteTex hat diesmal ein Bild für uns ausgesucht. Herzlichen Dank an dieser Stelle, dass sie uns hier immer die Animatrix macht! Ein recht verstörendes Bild, ehrlich gesagt. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was ich damit anfangen soll. Womöglich muss ich diesmal passen, weil ich so uninspiriert bin. Tja, und dann war da auf einmal doch ein Fünkchen einer Idee. Ich bin ziemlich überrascht, wie es zu der Geschichte kam. Auch erzählenswert. Die jetzt folgende Geschichte ist aber eine andere und hat sich selbständig gemacht. Ist sprichwörtlich ausgeufert. Verzeiht, wenn ich das Ende offen lasse. Ich verspreche euch, es gibt eine Fortsetzung. Aber nicht heute. Sie ist auch so schon lange genug. Doch lest selbst …

Quelle: dailymail.co.uk
Die Erscheinung


Leise ging ein Säuseln durch die Bäume. Sanft rauschten Blätter und es lag eine unwirkliche Stille über diesem unberührten Flecken Erde. Abgeschieden lag der Urwald und nur wenige betraten jemals den Wald. Hier war alles sich selbst überlassen. Kein Mensch kam hierher, um die großen Riesen zu schlägern. Die stärksten Bäume wuchsen und beanspruchten ihren Platz, während sich zu ihren Füßen Farne und andere niedere Pflanzen den Platz teilten. Hoch wuchs, wer schnell und dominant war. So war das schon immer. Aber die Menschen hatten das vergessen, wenn sie bei ihnen zuhause in den Wald gingen, wo durchgeforstet war und die Bäume in lichten Verbänden standen. Wo in erster Linie nur Waldboden und niedere Gräser wuchsen, weil sie aus allem ihren Profit schlugen und genauso auch den Wald behandelten. Letztlich also dominierte auch hier der Stärkere. Ganz sicher lag es nicht an der Kraft, aber an der überlegenen Tücke eines weit entwickelten Gehirns, das Kettensägen und große Erntemaschinen hervorbrachte. Dem hatten selbst die größten Baumriesen nichts entgegenzusetzen, die hier über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gewachsen waren. Ein gut gesetzter Schnitt und sie fielen in Scharen.

Aber nicht hier. Dieser Wald war ganz anders. Ein großes zusammenhängendes Gebiet, das fremdartig wirkte im Gegensatz zu den bewirtschafteten Monokulturen, die die meisten kannten. Auch hier war ein Mensch der Besitzer. Nur hatte er entschieden, dass keiner jemals Hand an diesen Wald legen sollte. Es war ein alter Mann, der Zeit seines Lebens still und besonnen seine Entscheidungen getroffen hatte. Jedoch bei dieser einen Entscheidung über den Wald, bei dieser sprachen ihm die Anderen seinen Verstand ab. Wie konnte er den Wald nur so verwildern lassen? Was er an Geld daraus machen könnte? Diese wunderbaren geraden Stämme! Er würde einen sagenhaft guten Preis dafür bekommen. Aber dieser alte Spinner tat nichts dergleichen. Er überließ den Wald sich selbst. Die Anrainer schimpften und drohten. Sie hatten Angst, es könnte sich der Borkenkäfer breitmachen und auf ihre wertvollen Bestände übergreifen. Dieser Wald war eine Schande und eine verwahrloste Wildnis. So sprachen sie unter sich. Den alten Mann kümmerte das nicht. Einige der Anderen dachten ein klein wenig weiter. Irgendwann würde der Alte schon sterben, dann ginge der Wald an seine Kinder, die ganz sicher das Richtige machen würden. Es war allgemein bekannt, dass sie die Meinung des Alten nicht teilten und ihn ebenfalls, wenn nicht für einen Spinner, so doch für reichlich verschroben hielten. Noch wagten sie nicht, ihn als senil und dement zu bezeichnen, aber es ging in diese Richtung. Der Alte war mitnichten dement oder senil oder verschroben. Und auch er dachte etwas weiter. Doch das wussten die Anderen nicht. Sie würden es schon erfahren. Diese Anderen und auch seine Kinder. Sie würden alles erben, seine gierigen Kinder, wirklich alles. Nur den Wald nicht. Den Wald würde jemand anderer bekommen. Jemand, der ihn behütete. Jemand, der ihn zu schätzen wusste. Jemand, der so bedächtig war wie er. Jemand, der die Stillen sehen konnte.
Oft sagte er, sie sollten ihn und den Wald endlich in Ruhe lassen. Der Wald gehöre ihm und er habe sich entschieden, ihn so zu belassen, wie er nun mal sei. Das würde sich niemals ändern. Sie konnten nur den Kürzeren ziehen. Alle Drohungen ängstigten ihn nicht. Selbst wenn ihm etwas zustoßen sollte, der Wald würde sich schützen. Genau so erklärte er es den Anderen kryptisch. Es gäbe Dinge, die sie nicht sehen würden. Weil sie nicht zuhörten und weil sie so unvorstellbar laut waren.
Bei den Anderen machte sich immer öfter Ärger breit. Sie wollten dem alten Deppen eine Lektion erteilen. Einfach nur eine Lektion. Sonst nichts. Keiner sollte etwas davon wissen oder erfahren. Sie hatten lange und heftig diskutiert und waren voller Zorn auseinandergegangen. Die meisten von ihnen wussten noch nicht einmal, dass der Zorn bei einigen wenigen so groß war, dass sie einen Plan ausgeheckt hatten. Einen Plan, dem vielleicht nicht alle zugestimmt hätten.
An einem Tag im Herbst machten sich diese wenigen von ihnen zeitig am Morgen auf den Weg. Heimlich. Sie hatten genug Wut in ihren Bäuchen und fütterten sie noch mit ordentlich Schnaps aus der mitgenommenen Literflasche, die beständig die Runde machte. Die Stimmung war hitzig und entschlossen. So wie sie bei allen ist, die sich im Recht sehen, ganz gleich, ob sie das Richtige tun oder nicht.
Leise ging ein Raunen durch die Äste. Die Fichten und Douglasien schüttelten sich irritiert und dabei fielen einige Nadeln und gelegentlich auch ein Zapfen zu Boden. Kaum hörbar säuselte es: „Sie sollen wieder weggehen! Wir wollen sie hier nicht!“ Wie ein Windstoß zischte es wütend. „Haut ab!“ Und aus der anderen Richtung: „Verzieht euch!“ Und noch leiser: „Sie machen mir Angst!“ 

Die vier hörten und verstanden nichts. Für sie war es ein ungemütlicher kalter Morgen. Der Wind blies unangenehm durch die Bäume und dieser Ort hier war unwirtlich und irgendwie eigenartig. Sie wollten ihre Arbeit erledigen und abhauen. Mehr nicht. Das war auch nur wieder so ein Job! Bezahlt von denen, die in ihren feinen Anzügen hinter großen Schreibtischen saßen und nur die richtigen Knöpfe drücken mussten. Sie waren hier bloß zuständig für das Grobe.

Vier Männer in Arbeitskleidung und festen Stiefeln. Mit Kettensägen und Äxten. Große stämmige Männer, bis auf den einen, der war eher schmächtig. Lang und schlaksig. Furchteinflößend waren sie alle. Mit ihren zusammengepressten Lippen und den Zornesfalten auf der Stirn. Wie sie angestrengt die Augenbrauen zusammenkniffen und ihre Äxte umklammerten, dass die Fäuste weiß waren vor Anstrengung. Laut und bösartig waren sie aus dem Pick-up gestiegen und gingen nun mit wilden, weit ausholenden Schritten auf den Wald zu. Passierten die unsichtbare Grundstücksgrenze und schrien sich dabei gegenseitig an.
„Dem Alten werden wir zeigen, wie er seinen Wald schützen will! Ha!“
„Der wird sich in den Schlaf weinen, wenn er erst mal sieht, was seinem geliebten Wald passiert ist!“
„Vielleicht trifft ihn auch der Schlag! Wäre auch nicht das Schlechteste!“
Voller Hass trampelten sie lärmend immer tiefer in den Wald. Wind war aufgekommen, doch das fiel ihnen nicht auf. Es zischte und raunte. Zuerst nur vereinzelt, doch je länger die vier durch den Wald wüteten, immer zahlreicher. Als würde sich ein unsichtbarer Ring enger ziehen.
Einer der vier hob die Hand. Bernhard hatte in stiller Übereinkunft das Kommando übernommen. Alle blieben stehen.
„Hier fangen wir an! Beeilt euch!“
„Hörst du das?“, fragte der Dürre.
„Was?“
„Na, diesen Wind? Und das Blätterrauschen? Das war doch vorher nicht da. Es war völlig windstill.“
„Und? Was soll damit sein? Bist du jetzt eine Memme, oder was? Den Wind wirst du gar nicht spüren, wenn du erst mal arbeitest, dann wird dir hoffentlich warm werden.“
Die breitschultrigen Holzfäller lachten den schlaksigen Dürren aus. Sie kannten sich lange und hatten den Dürren nur mitgenommen, weil der Bürgermeister es so wollte. War ja sein kleines missratenes Bürschchen. Keine Eier in der Hose. Schüchtern. Hatte schon als Kind immer gleich geheult. Er wollte ja auch mit. Wollte ihnen zeigen, dass er das auch konnte. Er war geschickt in vielen Dingen. Drahtig und kräftig. Aber das sah man ihm nicht an. Vielleicht war er derzeit der Nüchternste unter ihnen allen. Weil er nie wirklich von der Schnapsflasche trank, sondern nur so tat. Er wusste nicht genau, warum, aber er traute den anderen nicht. Das war die Schlägertruppe seines Vaters.
Der eine – Wolfgang – begann mit kraftvollen Hieben kleinere Bäume zu fällen. Er schlug zu, fällte den Baum und ging zum nächsten. Schon bald hatte er eine schmale Schneise hinter sich gebildet, die er weiter und weiter in den Wald schlug. Die anderen beiden – Bernhard und Robert – machten sich an die größeren Stämme. Schlugen Kerben, trieben Keile, sägten weiter. Schrien immer wieder „Baum fällt!“ Ihn, den Dürren, beachteten sie nicht weiter. Sollte er sich doch selber etwas suchen. Der Auftrag war eindeutig gewesen: „Richtet so viel Schaden an wie möglich!“
Stur und verbissen arbeiteten sie vor sich hin. Der Dürre vielleicht nicht so sehr wie die anderen, dafür umso vorsichtiger. Im behagte es hier nicht. Es war unheimlich. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Es reichte auch so, dass ihn die anderen für einen Schwächling hielten. Warum wollte er gleich nochmal unbedingt bei ihnen dazu gehören? Und warum ließ er sich immer „der Dürre“ nennen? Er hatte einen Namen, verdammt! Dabei seufzte er tief auf. Folkward. Folkward! Folkward? Wer um Himmels Willen nannte sein Kind Folkward? Seine Mutter hatte eine Schwäche für bedeutende germanische Namen. Folkward, Hüter des Volkes! Ha! Er war für immer und ewig gestraft mit diesem Namen. Welches Volk sollte er schon behüten? Er fasste einen Entschluss. Er hatte genug. Von allem. Er würde gehen. Es interessierte ihn nicht, ob er zu den anderen starken Raufbolden gehörte. Es interessierte ihn auch nicht mehr, ob ihn sein Vater akzeptierte. Schon richtete er sich auf, stützte die Axt am Boden ab. Wischte sich den Schweiß von der Stirn und wollte gehen.
Da sah er aus dem Augenwinkel eine Gestalt. Eine Frau. Keine Frau. Es war nur ein Schemen. Der Wind hatte aufgefrischt und klang zorniger als zuvor. Fast vermeinte er Stimmen zu hören. Aber nein, das konnte nicht sein! Das war nur der Wind in den Blättern. In diesem undurchdringlichen Mischwald war alles ein wenig unheimlich. Er nahm die Axt auf und sofort wieder das Zischen. „Verziiiieh diiiiich!“ Vielleicht hätte er doch mehr Schnaps trinken sollen.
„Was …?“, entfuhr es ihm. Zu mehr kam er nicht. Plötzlich sah er sie überall. Diese Schemen. Sahen aus wie Menschen. Aber nur auf den ersten Blick. Sie traten hinter den Bäumen hervor und schritten auf ihn zu. Dicht nebeneinander stehend bildeten sie eine geschlossene Linie. Er bekam es mit der Angst zu tun. Folkward drehte sich um und wollte rennen. Aber auch hier diese Schemen. Ausdruckslos. Oder doch nicht? Er war sich nicht sicher.
„Was wollt ihr von mir?“
„Lass uns in Ruhe!“, raunte es.
„Verlass den Wald und komm nie wieder!“
„Nie wieder … nie wieder … nie wieder!“
„Nimm deine Freunde mit!“
„Das sind nicht meine Freunde“, wehrte er schwach ab.
„Geht! Jetzt!“
Selten hatte er diese zwei Worte so eindringlich gehört. Er rief seinen drei Begleitern zu, sie sollten hier abhauen. Da spuke es. Besser, wenn sie jetzt wieder gingen. Aber die lachten ihn nur aus. Er sah sich ratlos um. Immer noch standen die Waldwesen in einem engen Ring um ihn. Nur ganz hinten war ein kleiner Durchlass. Die anderen drei schienen gar nichts zu sehen.
„Geh jetzt!“, drängte ihn nun eine Stimme. Sanft beinahe.
„Wer seid ihr?“, fragte er voller Angst und auch voller Staunen. Er sah sie und sah sie doch nicht. Mal sahen sie aus wie Menschen, wie Männer und Frauen. Nur um im nächsten Moment zu verschwimmen und eins mit dem Untergrund und dem Hintergrund und dem Wald zu werden. Er sah und sah nicht. Er wusste nicht, auf was er noch vertrauen sollte. Drehte den Kopf zur Seite, um vielleicht aus dem Augenwinkel … Nein. Was auch immer das für Wesen waren, wirklich greifbar und materiell waren sie nicht. Er hatte Angst. Und er gruselte sich. Bloss irgendwie, also irgendwie fand er es faszinierend und anziehend.
„Wir sind die Stillen. Die stillen Menschen. Zumindest waren wir einmal Menschen.“
„Geh jetzt besser“, drängte ihn das zarte durchscheinende Wesen vor ihm noch einmal.
Er wollte sich gerade umdrehen, als er einen schrecklichen Schrei hörte. Einer seiner drei Begleiter kreischte. Folkward wirbelte herum, wandte sich in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Er hörte splitterndes Holz und noch mehr Schreie. Dazu dieses schmerzerfüllte Kreischen. Und dann Stille. Hastige Bewegungen und hektische Betriebsamkeit. Folkward drängte sich zwischen den Schemen durch, die sich fließend und leicht zur Seite neigten. Er fühlte lediglich einen kühlen Hauch, als er vorbeieilte. Während er zu den anderen aufschloss und versuchte, das Geschehene zu verstehen und wo es ging, zu helfen, sah er, wie die Stillen in ihrer geschlossenen Linie dastanden und beobachten. Nur sachte wehte der Wind jetzt. Fast hörte es sich an wie ein „Siehst du nun, was passiert?“ Folkward sah Bernhard leblos am Baumstamm einer Linde lehnen. Unwirklich kam ihm das vor. Warum sank er nicht zu Boden? Da erst bemerkte er, dass er mit dem Arm in der Kerbe steckte. Der Keil war herausgerutscht, der Baum hatte sich geneigt und ihm den Arm abgequetscht. Er konnte nicht weg. Schließlich hatte ihn Bewusstlosigkeit aus dem Martyrium erlöst. Die anderen beiden standen tatenlos dabei, starr vor Schreck. Keiner wusste, was zu tun war.
Folkward herrschte Robert an: „So tut doch was! Helft ihm!“
„Wie? Wie denn?“, stammelte der Angesprochene.
„Fällt den Baum oberhalb. Oder trennt ihm den Arm ab. Irgendwas. Nur können wir ihn nicht so hängen lassen.“
Wolfgang erwachte aus seiner Starre. Er packte die Axt und schlug zu. Und schlug noch einmal zu. Die Holzsplitter spritzten zur Seite, während er eine Kerbe oberhalb von Bernhards gequetschtem Arm schlug. Die Zeit verging elendig langsam. Wie zähfließender Honig rann sie träge dahin. Auch Robert hatte sich nun die Kettensäge gegriffen. Mit einem Aufheulen sprang sie an und er begann auf der anderen Seite die Linde zu bearbeiten. In Panik arbeiteten sie. Der Branntwein-Dusel war verraucht. Folkward stützte Bernhard und tastete nach seinem Puls. Sein Arm war angeschwollen. Es sah aus, als hätte die große Linde seinen Arm abgebissen und  jetzt tropfte das Blut aus deren Mundwinkeln. In einem dünnen Rinnsal suchte es sich seinen Weg entlang der Rinde und färbte die sich darunter anhäufenden Späne rot.
Immer noch standen die Stillen in einem Halbkreis um die grausige Szene herum. Folkward warf ihnen einen wilden Blick zu.
„Helft uns doch!“
Robert blickte ihn irritiert an.
„Was ist mit dir los? Mit wem redest du da? Dreh jetzt nicht durch! Wir sitzen ohnehin schon in der Scheiße!“
Folkward schwieg. Er schaute nur vorwurfsvoll zu den Stillen hinüber. Doch die Frau, die ihn vorher angesprochen hatte, wies ihn zurecht. Sie hob kaum die Stimme, fast unhörbar säuselte sie wie der sanfteste Windhauch.
„Ihr seid uneingeladen in unser Haus gekommen und wolltet uns nur Böses. Von uns könnt ihr keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil!“
Sie hob ihre Hand, drehte anmutig die Handfläche in einer eleganten Kurve nach oben, ihr Arm rührte sich noch nicht einmal. Er sah nur diese kurze zarte Bewegung, als sie die flach nach oben geöffnete Hand plötzlich mit einem Ruck zur Seite zog. Mit diesem Ruck rutschte auch die Linde plötzlich ein Stück zur Seite. Robert und Bernhard hatten beidseitig die Kerben tief genug gesetzt. Der verbliebene Steg war gesplittert. Der massive Stamm der Linde ruckte zur Seite, erfasste dabei Robert und drückte ihn an der Hüfte in den weichen Waldboden. Er hatte nur Zeit für einen überraschten Keucher, der abrupt abbrach. Dann kippte der große Baum anmutig zur anderen Seite. Mit zunehmender Geschwindigkeit krachte die Linde schließlich auf den Boden. Die langen weit ausladenden Äste wippten noch einige Male nach, als wollten sie bejahend nicken. Dabei hatte die Linde Wolfgang mitgerissen und erschlagen. Er hatte nicht die geringste Chance zum Ausweichen und auch keine Gelegenheit mehr für einen letzten Schrei. Letztlich hatte der Baum Bernhard freigegeben. Sein Arm nur noch ein blutiger Stumpf. Folkward war auf wundersame Weise verschont geblieben. Er stand fassungslos dabei. Dann kam er zu sich. Er sah nach Bernhard. Bei Robert und Wolfgang war alles zu spät. Sie waren tot. Das war eindeutig. Aber vielleicht Bernhard? Nein! Auch er zeigte keinerlei Lebenszeichen mehr.
Folkward wimmerte vor sich hin. Er stöhnte leise. War geschockt. Musste nachdenken. Musste raus aus dem Wald. Musste Hilfe holen. Immer noch standen die Stillen stumm in unmittelbarer Nähe. Als Folkward an ihnen vorbeistürzte, wichen sie zur Seite. Sie ließen ihn wortlos passieren. Nur die Frau von vorhin rief ihm hinterher.
„Geh zu Dankward! Wenn du die Wahrheit wissen willst, dann geh zu Dankward!“
Irritiert drehte er sich im Laufen halb um. „Dankward! Wer soll das nun wieder sein?“
„Geh zu dem, den ihr den spinnerten Alten nennt! Dem dieser Wald gehört!“
Damit machte sie einen Schritt zurück und verschmolz mit dem Wald. Folkward stolperte. Schmerzhaft stieß er sich das Knie an einer Baumwurzel. Auf dem Boden kauernd schaute er sich suchend um. Hier war niemand mehr. Alle verschwunden. Nur noch die gefallene Linde und die drei Toten waren hier und zeichneten ein grausiges Stillleben.

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