Der Story-Samstag hallt nach.

 

Ach, da hast du etwas angerichtet mit deinem Story-Samstag. So kommt es mir in den Sinn. Und dabei denke ich an Tante Tex und ihr harmlos wirkendes 4-Buchstaben-Wort. Erbe. Sie kann doch nichts dafür. Sie ist nur der Sender und ich der Empfänger.
Ein Schnippchen dachte ich ihr (und mir) geschlagen zu haben, indem ich ein holprig hüpfendes Gedicht schrieb, um dem leichten Wort mit der schweren Bürde zu entkommen. Doch völlig vergeblich tat ich es. Unvorsichtig lese ich Zeilenendes Gedanken dazu. Nachdenklich. Ohne der feinen Spitze diesmal, die sonst in seinen Texten dieses lustvolle Kribbeln beim Lesen hervorruft und einen die Mundwinkel nach oben ziehen lässt …

„Beeilen wir uns die Menschen zu lieben, sie gehen so schnell …“ (aus einem Gedicht von Jan Twardowski)

Erbe. Ich will kein Erbe. Was ich von dir bekommen konnte, habe ich längst. Eine Ausbildung habt ihr mir ermöglicht. Ein gutes Fundament fürs Leben geschaffen. Ich lebe seit Jahren selbstständig, habe Familie. Und doch bin ich jetzt eine Halbwaise und fühle mich manchmal auch so.
Was ich von dir wollte? Dass du dich weniger aufopferst. Dass du besser auf dich schaust. Dass du noch lange da bist. Für uns. Für den Papa. Für die Enkelkinder. Für dich. Vor allem für dich. Dass du einmal aufgestanden wärst und gesagt hättest: „Jetzt komme ich auch einmal dran!“
Bist immer zurückgetreten. Und wofür? Jetzt warst du die Erste. Wolltest immer stark sein und dir nichts anmerken lassen. Wir konnten dir nur dabei zusehen.
Ich trage deine Ohrringe. Die du zu deiner Firmung bekommen hast. Die du dann zurückhaben wolltest, wenn du dir selber Löcher stechen lässt. Irgendwann einmal … Verdammtes „irgendwann einmal“!
Jetzt fragt mein Jüngerer: „Besuchen wir die Oma?“ Und dann fahren wir zum Friedhof und stehen vor deinem Grab. Was bedeutet mir schon dieses Grab? Dieser Stein und diese Erde und die erfrorenen Chrysanthemen? Und wieder regt sich das Kummertier in mir. Hat hier einen Platz eingenommen, der längst noch nicht frei sein sollte.
Das Tuch habe ich wieder mit mir genommen. Mein allererstes Stricktuch mit den Herzen, das ich dir geschenkt habe. Ich habe eine Borte dran gestrickt, meinen Teil zu deinem Teil hinzugefügt. Ich sehe in mir deine Kreativität. Deine Neugier. Dein Streben nach Dingen, die du versuchen wolltest. Und dann denke ich, dass du dich irgendwo mittendrin verloren hast.
Nein, ich will nichts erben! Viel lieber sähe ich dich mit den Ohrringen in deinen Ohren und dem Tuch um deine Schultern hier mitten unter uns sitzen.

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6 Gedanken zu “Der Story-Samstag hallt nach.

  1. Hallo Veronika,
    mich hat die Fragestellung diesmal auch gedanklich sehr stark bewegt und das nicht zuletzte auf Grund der starken Texte, die von den bekannten Begabten hierzu verfasst wurden. Ich bin noch nicht soweit meine Gedanken dazu selbst aufzuschreiben, ich danke Dir fürs Teilhaben an Deinen! Und das Foto ist auch wunderschön!
    Liebe Grüße, Flo

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  2. In den wenigsten Fällen gibt es die reiche Urstrumpftante, die man kaum gekannt hat, die steinalt war und der man ihr Sterben nachempfinden kann. Und die dann gerade einen selbst mit ihrem übermäßigen Erbe bedachte, weil ansonsten keine Kinder oder irgendwelche Nutznießer greifbar waren.
    Von daher ist das immer ein heikles Thema, das viele Emotionen auslöst.
    Ich habe länger überlegt, ob das hier her passt. Doch warum nicht? Auch das ist ein Teil von mir.
    Danke, liebe Flo!

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  3. Jetzt bin ich einigermaßen verschnieft. Weil ich eine sanfte Ironie darin sah, dass ich ja erst noch erben werde. Auch wenn man sich so seine Gedanken macht, wenn die anderen älter werden. Aber dennoch bleibt es Gedankenspielerei. Deshalb gefällt mir dein Text so gut. Auch wenn ich das Gedicht lieber mochte. Im November braucht man eigentlich mehr Frohsinn. Aber da ich in diesem Fall auch versagt habe: Chapeau, Frau Vro. 🙂

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  4. Es braucht mehr Frohsinn. Da stimme ich dir zu. Wir werden ihn schon wieder finden. Damit der November ein wenig fröhlicher grau wird. 😉
    Es ist gut sich Gedanken zu machen. Nicht leicht, aber gut. Auch wenn es einen niemals auf die Realität vorbereiten kann. Es passiert immer zu früh, egal wann.
    Und jetzt putz dir die Nase und setz den Hut wieder auf, es wird eine sternenklare kalte Nacht.
    Liebe Grüße

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