Schreibkick: Rapunzel schreibt an Dornröschen.

Was? Schon wieder ein Monat vorbei? Und schon gibt es wieder einen Schreibkick! Höhe war diesmal das Thema. Aber lest am besten selbst, was Rapunzel dem Dornröschen zu sagen hat.


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Mein liebes Dornröschen!

Burg Rastenberg
Seit Jahr und Tag blicke ich zu deinem Schloss hinüber. Weißt du, ich bin hier ziemlich einsam. Aber du! Du schläfst die ganze Zeit. Einmal wollte ich dich besuchen, aber all diese Menschen um dich. Streitsüchtig und zänkisch. Vor allem die Frauen. Ich habe keine Übung darin, mit Menschen umzugehen. Meine Ziehmutter lässt mich nicht aus meinem Turm. Es war eine Ausnahme, dass ich dich besucht habe. Ein Versehen, das danach nie wieder passierte. Seither passt meine Ziehmutter gut auf, dass ich den Turm nicht mehr verlasse. Diese bösartige alte Hexe.
Du aber schläfst in deinem Schloss. Hoch oben in einem Turmzimmer. Während die Dornenhecken höher und höher wuchern und die missgünstigen alten Jungfern darauf achten, dass nur ja niemand zu dir kommt und dich weckt. Weil ja der eine, dieser wunderschöne tolle Prinz daherkommen soll.
Ich sag es dir lieber gleich: Er wird nicht kommen. Prinzen gibt es heutzutage nicht mehr. Und wenn doch, dann sind sie nicht toll. Vielleicht Manager und Bankenchefs und was weiß ich, wie die heute alle heißen. Sie suchen nicht zuallererst die Liebe, sondern Reichtum. Wer sollte schon ein 100jähriges Fräulein wollen, das nichts von den Veränderungen der Welt mitbekommt? So wie du eines bist! Und wer sollte ein verschrobenes Prinzesschen wollen, das sein Leben in einem Turm zubringt? Abgeschottet von allen anderen. Ich bin in sozialen Dingen total unterbelichtet. Da spielt es keine Rolle, ob ich all die dicken Klassiker gelesen habe. Ob ich Sternbahnen berechnen oder Bilder wie einst Dalì oder Monet malen kann. Ich bin doch immer nur die Verrückte in ihrem hohen Turm.
Während du also schläfst, bereite ich meine Flucht vor. Ehrlich, wenn du mal aufwachen könntest, wäre das wunderbar. Ich hätte gern jemanden zur Freundin. Ich stelle mir vor, dass ich dir aus meinem Turm zuwinke. Dass wir Brieftauben schicken. Vielleicht auch E-Mails oder SMS oder so in der Art. Ich tüftle noch an der Übertragung. Und mit der Technik klappt es noch nicht so recht, da muss ich noch das ein oder andere Buch lesen. Meine Ziehmutter ist misstrauisch, warum ich dauernd Lötzinn und Drähte und Platinen brauche. Echt! Was will sie? Mir ist hier fad. So sterbenslangweilig.
Ich würde dir ja meinen Zopf zuwerfen, damit du mich besuchen kommen kannst. Aber der Zopf ist nicht mehr. Doch das ist eine andere Geschichte. Ja, der Zopf ist weg und die Ziehmutter wird total nervig sein deshalb. Aber ich sollte eigentlich schon vorher über alle Berge sein. Ein dünnes Seil könnte ich noch drehen aus meinen Haaren und sie dir mit einer Harpune hinüberwerfen. So wie James Bond. (Nein, James Bond ist kein Prinz! Aber das hast du ja auch verschlafen.) Und du könntest herüber balancieren wie eine bessere Lara Croft. (Nein, das ist keine Prinzessin! Wie könntest du das auch wissen.)
Nur aufwachen musst du schon selber. Ich komme nicht küssen. Denn das sei der einzige Weg, damit du aufwachst, sagen sie. Und es soll ein Prinz sein, der dich danach heiraten wird. Echt toll! Zuerst verfrachten sie uns in die höchsten Turmzimmer und dann soll uns ein Prinz von dort holen. Was soll das sein? Ist die Kletterei etwa ein Beweis für einen idealen Heiratsanwärter.
Weißt, Dornröschen, ich mag naiv sein und immer weg gesperrt, aber ganz blöd bin ich auch nicht. Und die Ziehmutter ist die wenigste Zeit da. Ich habe viel Zeit. Echt viel Zeit. Viel viel Zeit! Hin und wieder verirrt sich dann einer zum Turm. Die ersten beiden waren zu blöd zum Kraxeln. Einer zu ungeschickt – abgestürzt, tot, erledigt. Der zweite zu fett. Nach dem dritten Versuch, an meinem Zopf hochzuklettern, ist er japsend am Fuße des Turmes sitzen geblieben, hat noch ein paar Mal geschnauft und ist an Herzversagen gestorben. Ein weiterer hat es fast geschafft. Er hatte schon die Hand am Fenstersims, aber vor lauter Nervosität waren seine Hände schweißnass und dann ist er abgerutscht. Ich habe ihn fallen gesehen. Er ist lange gefallen. Das war frühmorgens und ich habe ihn den ganzen Tag da unten im Brombeergestrüpp liegen gesehen. Auf dem Sims noch die nassen Fingerspuren, wo er abgerutscht ist. Die Ziehmutter hat sie alle nie gesehen. Sie schien wohl sehr zufrieden, dass der Turm so hoch ist. Und dann habe ich geputzt.
Ich bin mittlerweile ziemlich angefressen auf sie, weil sie so ein Theater mit dem Turm macht und mit meinem Zopf. Dieses lange schwere Ding macht mir ständig Kopfweh und liegt auch dauernd im Weg herum. Das war auch der Grund für das eher unrühmliche Ende von Nummer vier. Er ist rücklings über den Zopf am Boden gestolpert, als er mir seine Liebe beteuern wollte. Er war wirklich süß, aber leider. Er ist ja gestolpert. Dabei hat er sich den Kopf am schmiedeeisernen Feuerkorb gestoßen und das war’s. Das gab ein Loch im Hinterkopf und viel Blut. Ich habe mir das Kreuz verrissen, als ich ihn über den Balkon in die Tiefe geworfen habe, damit mich die Ziehmutter nicht komisch angeht. Du weisst schon, das Brombeergestrüpp. Und dann habe ich geputzt.
Verdammt, Dornröschen, wach endlich auf! Ich sehe dich ja! Du liegst hübsch drapiert auf deinem Bett und schläfst und schläfst und schläfst. Bis du wach bist, habe ich alle Heiratsanwärter aufgebraucht. Dieser grauenhafte Turm mit seiner unnötigen Höhe. Mir wird ganz schwummerig, wenn ich hinunter sehe. Der Turm gibt einem jeden den Rest. Ich muss dir nämlich sagen, dass da noch mehr waren. Da war noch einer, der es geschafft hat. Der an meinem Zopf hochgeklettert ist und mich umworben hat. Da war ich noch so naiv, dass ich dachte, die Menschen seien alle gut. Gut ausgesehen hat er, weißt du. Freundlich war er. Aber nur solange, bis ich ihn zum Gehen aufgefordert habe. Was er aber nicht wollte. Nur ein Kuss für diese fürchterliche Kletterei sei etwas wenig, meinte er. Und als ich mich weigerte, wollte er es sich mit Gewalt nehmen. Ach Dornröschen, was soll ich sagen? Da waren eine Haarnadel, viel Blut und eine Nische im hintersten Eck des Turmzimmers. Die habe ich zugemauert. Und dann habe ich geputzt.
Denkst du, ich bin eine Soziopathin? Völlig unfähig, Beziehungen einzugehen? Ich bin immer alleine, da muss man ja komisch werden. Du hast keine Vorstellung, wie viele Menschen an diesem Turm vorbei wandern oder schlendern oder spazieren. Sie schauen kurz hoch. Die wundern sich noch nicht einmal, dass ich da heroben bin und unten nirgendwo ein Tor zu sehen ist. Jugendliche kommen mit ihre Lackdosen und sprayen ihre Grafitis auf die Mauer. Sie rauchen ihre Joints und betrinken sich mit Schnaps. Wo willst du da deinen Prinzen finden? Es gibt Tage, da bin ich froh um meinen Turm, da macht mir die Welt da draußen richtig Angst. Obwohl ich diese Sehnsucht in mir drin spüre, die von hier weg möchte. Die fliegen möchte.
Seit einiger Zeit ist da dieser eine Mann. Der um den Turm herumschleicht. Er stand lange da und hat nur geschaut. Nun, dachte ich, wieder einer mehr von diesen gleichgültigen Menschen. Aber dann geschah etwas Seltsames. Er ist mit den Händen an den Steinen und Fugen entlang gefahren. Als er mich am Balkon stehen sah, hat er nur hochgelächelt. Er wollte meinen Zopf nicht, als ich ihm anbot, er könne es auch leichter haben. Er habe sein eigenes Seil. Und dann kletterte er an der Wand hoch. So wie die Eidechsen das tun. Ich hatte ein bisschen Angst um ihn. Weil er mich so freundlich und offen anlächelte. Weil er ganz ohne Seil kletterte. Konzentriert und bedächtig. Stell dir vor, er ist an mir vorbei geklettert. Als er an der Turmspitze angelangt war, hat er dort ein Seil befestigt und sich zu mir auf den Balkon abgeseilt. Seither kommt er immer wieder. Nie ist die Rede vom Heiraten und dass ich mit auf sein Schloss kommen soll. Ich denke fast, dass er gar kein Schloss hat. Aber wenn er da ist, wird mir ganz warm ums Herz. Weil er sich für mich interessiert. Weil er mir die Welt erklärt. Weil er sich nicht darum kümmert, was ich an Besitz habe. Weil ich wichtig bin. Und deshalb will ich weg von hier. Es gibt da etwas …
Dornröschen, du wachst besser auf, denn ich gehe fort von hier. Ich kann nicht mehr warten. Der Zopf ist nämlich ab. Ich selber habe ihn abgeschnitten. Daran werde ich mich abseilen. Nicht vom Balkon aus, denn da sieht mich vielleicht jemand vom Schloss aus. Sondern von einem der hinteren Fenster. Dort ist auch kein Brombeergestrüpp. Mein Traumprinz nimmt mich mit. Er wird mich beim Abstieg sichern. Er muss nämlich jetzt auf zwei aufpassen. Der Zopf ist ab und die Ziehmutter kommt am Abend. Deshalb muss ich jetzt sofort weg.
Dornröschen, sei mir nicht böse, dass ich dich verlasse. Und bitte wach endlich auf! Der küssende Prinz kommt nicht. Glaub mir das.
Alles Liebe wünscht dir
Rapunzel
P.S. Kurzhaarfrisuren sind so praktisch. Was bin ich froh, dass ich den blöden Zopf endlich abgeschnitten habe.
P.P.S Wir werden in einem ebenerdigen Haus wohnen. Ich habe die Nase voll von Türmen. Mein Liebster aber sagt, wir würden noch ganz oft klettern. In den Bergen. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.
P.P.P.S Die Ziehmutter? Die kann dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst. Ich lasse mir von ihr sicher nichts mehr sagen. Ihr Hokuspokus war nur Blendwerk. Damit hat sie mich lange genug eingeschüchtert.
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Die Idee stammt von Sabrina.
Mitgemacht haben diesmal:
Nicole
Anita
Eva
Sabrina
Conny
Alicja
Bianka


Das Thema für den nächsten Monat lautet: Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken.


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7 Gedanken zu “Schreibkick: Rapunzel schreibt an Dornröschen.

  1. Herrje, ich wusste gar nicht was Rapunzel alles mitgemacht hat… *wischdielachtränenweg*. Und wie vorteilhaft, dass sie gut putzen kann und auch ansonsten wohl nicht auf den Kopf gefallen ist. Was für eine Geschichte!
    Liebe Grüße von der immer noch lachenden Nicole

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  2. Haha, sehr schöne Geschichte, ich musste wirklich grinsen. Ich hatte ja keine Ahnung, was sie alles erlebt hat und dass die beiden werten Damen Brieffreundinnen waren (wenn auch sehr einseitig …) Ich hoffe, wir erfahren irgendwann auch noch, was mit Dornröschen geschieht, wenn sie aufwacht und all die Briefe findet 😀

    Liebe Grüße,
    Sabi

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  3. Wir wissen das alle gar nicht. Wir sind ja auch keine Prinzen auf Prinzessinnensuche. 😉
    Irgendeine Idee ist da schon. Sie hat zu tun mit lila Locken und karierten Socken. Irgendwas Haarsträubendes wird sich finden. *lach*
    Es freut mich, wenn ich ein Grinsen hervorzaubern kann.
    Liebe Grüße!

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  4. Pingback: Gar nix mit mysteriös. Ein Award. | vro jongliert

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