Gewaltfantasien.

 

Ich bin ein friedlicher Mensch. Wirklich wahr. Am liebsten würde ich immer in einträglicher Harmonie leben. Mich mit allen Menschen vertragen. Nicht, dass ich einen jeden lieb haben müsste. Illusionen dieser Art hänge ich nicht nach. Aber dennoch habe ich es gerne friedlich. Es dauert also auch entsprechend lange, bis mir einmal der Kragen platzt.
Ich tendiere eher dazu, mich umzudrehen und zu gehen. Auch ohne Differenzen geklärt zu haben. Strafe den anderen mit Nichtbeachtung und Ignoranz. Stehe nicht länger zur Verfügung. Aber das geht nicht immer so einfach. Manchmal werde ich gezwungen, dass ich mich auf die Beine stelle und Position beziehe. Dass ich einmal aus meiner sprichwörtlichen Haut fahre geschah bisher so selten, dass ich derlei Ereignisse an einer Hand abzählen kann. Natürlich sehe ich trotzdem die Gefahren und auch die Mechanismen, warum es nicht immer sanft und liebevoll zugeht. Warum jemand mit seinem Nachbarn streitet oder mit der eigenen Verwandtschaft vor Gericht geht.
Meiner eigenen dunklen Seite habe ich ebenfalls schon ins kalte Auge geblickt. Als mein Älterer als kleines Baby nicht und nicht zum Schreien aufgehört hat. Da konnte ich sehr gut nachvollziehen, warum jemand die Nerven wegschmeißt und zuschlägt. Irgendwann kann man einfach nicht mehr vor lauter Schlafentzug und 24-Stunden-Bereitschaft. Ich habe ihn im Wohnzimmer auf einer Decke am Boden liegen lassen, wo nichts passieren konnte, und mich im Bad eingesperrt, bis ich wieder gefestigt genug war für mein kleines Monster.
Als ich vor zwei Jahren meine erste Horrorgeschichte schrieb, hat mich das schon etwas erschreckt. Weil ich eigentlich nicht dachte, dass ich so grausige Geschichten aus meinem Kopf ziehe. Eigenartigerweise schreibe ich immer wieder Geschichten, die kein Happy End haben. Vor allem die superguten netten Märchencharaktere fordern mich immer wieder heraus. Ich kann einfach nicht glauben, dass sie nur die Guten sind. Niemand ist nur lieb und nett. Schneewittchen kam ums Leben, weil sie an die falschen Zwerge geriet. Rapunzel ist kein unbeschriebenes Blatt. (Das könnt ihr morgen lesen!) Und Hänsel und Gretel sind in meiner Neuverfassung ziemlich berechnende Halbstarke.
Trotzdem bin ich grundsätzlich ein friedliebender Mensch. Ich schaue aber manchmal in den Abgrund hinunter. Gelegentlich schaut der Abgrund dann auch mich an.
Meine Kinder gehen das direkter an. Der Ältere hat manchmal Ideen für seine Deutsch-Ausätze, wo ich mir nur still denke: „Na wui, das ist aber schon heftig!“ Manchmal sage ich das dann auch. Soll er seine Ideen niederschreiben, wie er sich das denkt. Und sich den Rest mit dem Deutschlehrer ausmachen.
Der Jüngere lebt das beim Spielen aus. In den letzten Wochen hat er wieder seine Holzeisenbahn aufgebaut und die batteriebetriebenen Loks reaktiviert. Alles easy, keine Gewalt, nichts. Doch dann kamen die Lego-Maxerl ins Spiel. Ab da wurde es dann brutal. Ich wollte es nicht sehen.
„Mama, schau her, was jetzt passiert!“

Dann musste ich mir ansehen, wie das Lego-Fräulein von der Lok umgefahren wurde. Und ob der Zug dabei entgleist oder nicht. Ob das Lego-Fräulein zur Seite geschoben wird oder aber mitgeschleift. Er hat das wirklich sehr wissenschaftlich angegangen. Mit vielen Testläufen. Das Lego-Fräulein hatte einen wahrlich mitreißenden Job und ging dann verdient ins Wochenende. Ganz zuletzt wurden die Batterien schon wieder etwas schwach. Es war grauenhaft. Aber statt die Polizei oder die Feuerwehr zu rufen, habe ich – der Voyeur schlummert in allen von uns! – zur Kamera gegriffen und meine Sensationsgier befriedigt.

Und sie grinst immer noch …
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