Lucia – deutsche Gründlichkeit und südländisches Temperament.

Lucia heißt sie. Ihr halbes Leben begleitet sie mich schon. Auch mein halbes Leben ist das. Begehrt, geliebt, gehasst, vernachlässigt, neu füreinander entflammt. So ungefähr könnte man unser Verhältnis beschreiben.
Fast dreizehn Jahre ist sie gut eingepackt in einer Wohnung in Berlin gestanden. Unbespielt. Dann kam sie zu einem älteren Herrn ins tiefste Waldviertel. Einem älteren Herrn, der sich eine Nische gesucht hat und Akkordeons stimmt und repariert. Ins mystische Waldviertel. Was ein anderer Ausdruck sein mag für eine infrastrukturell vernachlässigte Gegend, wirtschaftliches Stiefkind, wenig Bevölkerung, umso mehr Abwanderung. Mystisch also. Da passt Lucia, die Berlinerin, gut hin. Lucia ist ein Akkordeon. Was jetzt auch nicht gerade ein Instrument ist, das Begeisterungsstürme hervor ruft.
Meine Lucia IV P wurde von der Firma Hohner in Trossingen gebaut. Dieses Modell wurde in den Jahren 1953, 1956-61 und 1973 gefertigt. Ich schätze mal, dass sie eher später gebaut wurde. Dann wäre sie so alt wie ich. Vielleicht irre ich mich aber auch und sie wurde Anfang der 60er gebaut. Das wäre wirklich beachtlich. Denn sie ist ein gut erhaltenes Prachtstück, das es heute in dieser Qualität kaum noch gibt.
Mein musikalischer Werdegang ist unspektakulär. Nach der Blockflöte begann ich in der Hauptschule mit dem Akkordeon. Nein, genau dieses Instrument wollte ich nicht. Ich wollte Saxophon spielen. Zu exotisch, zu teuer. Oder Geige. Meine Mama meinte nur, das Gekreische wolle sie nicht, das sei kein schönes Instrument. (Ich sah und sehe das anders, aber sei’s drum.) Also stand unterm Christbaum ein Akkordeon. Das war übrigens das erste Weihnachten, wo ich in den Wochen davor die Geschenke uneingepackt gefunden hatte und das Christkind somit entzaubert war. Was für eine Enttäuschung!
Ich habe gemeinsam mit einem Schulkollegen zu lernen begonnen. Was mich gar nicht begeistert hat. Er hat aber bald aufgegeben und ich bin trotzdem dabei geblieben. Dann habe ich die Schule gewechselt und das Akkordeon ging mit. Ich habe mich wieder auf die Suche nach einem Lehrer gemacht und noch weitere fünf Jahre gelernt und geübt. Naja, mit Üben war ich nicht immer sehr konsequent. Aber ich habe es nie aus den Augen verloren. Irgendwann bin ich von der kleinen 48bässigen Delicia (ein tschechisches Fabrikat) zu der 120bässigen meines Onkels übergegangen. Bei der war der Balg schon brüchig, es war eine Mühsal, darauf zu spielen. Schönheit war die alte Hohner auch keine, weil die Löcher im Balg nur minderwertig mit Klebeband repariert waren. Und verstecken konnte ich mich auch dahinter, so groß war sie. Wenn sie mich nicht vorher umgerissen hat. Mein Onkel wollte sie aber zurückhaben und so sind wir zwei einkaufen gefahren zu eingangs erwähntem älteren Herrn.
Da stand sie und hat nur auf mich gewartet. Wobei das nicht ganz stimmt. Ich hatte damals keine Ahnung von diesen Instrumenten. Ich bin mit meiner neuen alten Lucia nach Hause gefahren und war glücklich. Mit den Jahren sind unsere gemeinsamen Stunden weniger geworden. Ich konnte die typische Akkordeonmusik nicht ausstehen und hatte keine Lust mehr, diese zu spielen. Und auch sonst war anderes wichtiger. Wie das halt so ist, wenn eine andere Liebe kommt und man sich das Leben gemeinsam einrichtet mit Haus renovieren, heiraten, Kinder in die Welt setzen. Meine Jungs waren auch eher hinderlich. Mein Älterer fürchtete sich vor Lucia, mein Jüngerer griff dauernd drein.
Aber vor mittlerweile drei Jahren habe ich sie wieder hervorgeholt. Der Auslöser war ein Musikvideo  von „La Valse des Monstres“ von Yann Tiersen. Da habe ich Blut geleckt. Habe tagelang das Internet durchforstet nach den Noten. Habe mein Akkordeon (sprichwörtlich) wieder abgestaubt und mich auf die Suche nach jemanden gemacht, der es mir stimmen kann. Man glaubt es kaum, ich kam auf Umwegen wieder zu jenem mittlerweile noch älteren Herrn. Wir haben gemeinsam Lucia auseinander geschraubt und nachgestimmt. Ich muss euch das Innenleben zeigen, das ist der Wahnsinn!

Mittlerweile habe ich mich mit dem Akkordeon ausgesöhnt. Polka, Landler und Humtata mag ich immer noch nicht. Lucia ist für Höheres geschaffen. Tangos zum Beispiel. Oder Musettewalzer. Aber ich werde ohnehin nie ein Volksfestspieler werden. Dazu fehlt mir das Talent, einfach so nach Gehör zu spielen. Sagen auch meine Kinder. Der Ältere sah mich beim Kauf eines Notenständers entgeistert an und fragte: „Glaubst du echt, dass du in deinem Alter noch auf Tournee gehst?“ Na danke! Abgesehen davon bin ich ohne Notenblätter ziemlich aufgeschmissen. Jetzt habe ich für mich die Musettewalzer entdeckt. Und diese oft bittersüße melancholische Musik ist genau meins. Mit reichlich Vorzeichen, die eine ordentliche Herausforderung für mich darstellen. Wo ich endlich einmal mein Gehirn abschalte, weil da kein Platz für Denken mehr ist. Wenn ich zu denken anfange, verhasple ich mich sofort. Fehlerfrei oder nicht ist ein gutes Indiz dafür, wie gestresst ich gerade bin. Laut oder leise ebenfalls. Seit drei Jahren verbringe ich wieder viel Zeit mit Lucia. Musiziere fast täglich mindestens eine halbe Stunde, übe Fingerläufe und Triolen, bis meine Finger krachen. Ihr dürft mir glauben, man kann auch in den Fingern einen Muskelkater bekommen. Und dann beschalle ich die ganze Wohnsiedlung, wenn ich im Wintergarten meine Stücke spiele. Da hilft es auch nichts, wenn ich alle Fenster schließe. Die Lucia kann beeindruckend laut sein und wunderbar weich leise. Wenn ich ordentlich anziehe, wackeln schon mal die Fenster. Dann kann ich eine flotte wallonische Polka spielen und untermale damit das Gezänk meiner Jungs. Vielleicht sollte ich einschreiten. Nein, besser noch ein wenig Hintergrundmusikbegleitung.

Tango, Swing und Jazz würde ich gern können. Aber das werde ich auch noch lernen. Lucia und ich – wir sind ja noch jung. Es sei denn, ich verlasse sie wegen einer anderen und wage mich doch noch an die Geige.


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2 Gedanken zu “Lucia – deutsche Gründlichkeit und südländisches Temperament.

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