Ein Familienausflug und bedingt jugendfreie Scherenschnitte.

Nach zwei Wochen grausigem End-Herbst-Wetter mit Kälte und Regen zeigt sich der Oktober endlich von seiner goldenen Seite. Gleichzeitig ist Wochenende. Was für ein trefflicher Zufall. Finden jedenfalls mein Mann und ich. Die beste Gelegenheit, um einen sonntäglichen Ausflug zu machen. Was wir den Jungs beim Mittagessen auch so mitteilen. Die Begeisterung ist überwältigend. Das war sarkastisch gemeint und ja, es darf gelacht werden. Der Größere zieht ein Schnoferl, das einem Hubschrauber-Landeplatz alle Ehre macht.

„Wo fahren wir hiiiiiiin?“ (Bitte entsprechende Betonung dazu denken.)
„Wie lange dauert das?“ (Bitte entsprechende Betonung dazu denken.)
„Warum müssen wir da hin?“ (Bitte entsprechende Betonung dazu denken.)
Es ist Tag der offenen Ateliers und ich – Frau Vro und gleichzeitig Frau des Hauses – will mir das Atelier einer Künstlerin ansehen, die ich vor zwei Jahren während einer Kunsthandwerks-Ausstellung kennen gelernt habe. Mir gefallen ihre Collagen. Wir müssen dazu nur allerdings ungefähr eine halbe Stunde mit dem Auto fahren. Runter ins Kamptal in einen Ort, wo sich Fuchs und Hase und wer auch immer sonst noch Gute Nacht sagen. Wo man sich immer bewusst ist, dass ober einem Kamp-aufwärts der Stausee ist. Mein Mann stellt fest, das ist ihm etwas zu viel Wasser, um hier in dieser abgelegenen Gegend wohnen zu wollen.
(Natürlich hat der Jüngere vorgesorgt und sich seine Trinkflasche eingepackt. Sicher ist sicher. Der Ältere ist mit Maulen beschäftigt und denkt an derlei Dinge nicht. Die Frau Mama aber dann Gott sei Dank schon! Wie sich noch zeigen wird.)
Die Künstlerin Sonia Ganstererlebt mit ihrem Mann in einem alten Haus, daneben sein Ausstellungsraum, auf der anderen Seite ihr Atelier. Mit eigenem Charme.
Wir finden uns in seinem Ausstellungsraum zuerst wieder. Die Eremitage am Kamp. Es war ein Ausflug ins Blaue, damit haben wir nicht gerechnet. Die zu sehenden Scherenschnitte sind gewöhnungsbedürftig. Unerwartet anders. Modern vielleicht. Nicht unangenehm. Also nicht nur. Ich würde mir davon nicht unbedingt einen aufhängen wollen, aber es gibt wahrlich Schlimmeres. Die Motive sind reduziert. Speziell reduziert auf weibliche Körper. Jedenfalls sind es die, welche meinen Kindern zuerst auffallen. Mein Älterer schüttelt nur missbilligend den Kopf. Zieht denselben zwischen die Schultern und gibt vor, nichts gesehen zu haben. Zu peinlich ist das Ganze. Warten wir noch ein Jahr oder so, dann wird er außer Kurven, Brüsten und langen Haaren womöglich sonst nichts mehr sehen. Mein Jüngerer kichert die meiste Zeit vor sich hin und rennt mir hinterher. „Komm mit, ich hab was gesehen!“ Er findet einige der Scherenschnitte ebenfalls peinlich, geht an die Sache aber analytischer heran. Er schaut im Gegensatz zu seinem großen Bruder genau hin. Und findet es voll komisch. Oder blöd. Das kann man sich aussuchen. Noch hat er kein Kopfkino in seinem noch-nicht-pubertären Hirn.
In ihrem Atelier geht es nicht so bildhaft zur Sache. Aber auch hier spielt Sexualität eine Rolle. Nur subtiler. Diese Subtilität entgeht meinen Kindern. Sie sehen vorrangig Blumen und Feen und Schriftzüge. Ich bin begeistert von diesem Atelier. Hell. Groß. Freundlich. Ein altes Haus mit dicken Mauern. Holztram-Decken weiß lasiert. Eine warm schimmernde braune Stiege, die sich leicht in ein Obergeschoß hebt. Ein kleiner Tisch mit Bechern voller Buntstifte neben einem großen Arbeitstisch. Eine Lade mit Drucklettern in Fraktur. Fraktur scheint ihre bevorzugte Schrift zu sein. Symbolik ebenfalls. Federn – ich habe keine Ahnung, welchen großen Vogel sie da gerupft hat. Überall versteckte Botschaften. Auf einem Seitenboard steht ein Häferl mit einem Bild des dornengekrönten Christus. (Derlei Devotionalien bekommt man übrigens in jedem Wallfahrtsort zu kaufen, wenn sich jetzt wer wundert.) Darin stecken Zweige von stachelbewehrten Pflanzen. Nur kurze stachelige Steckerl. Vertrocknet und umso heimtückischer wirkend. Mich reißt es, als ich das Ensemble aus Häferl, Bild und Stacheln sehe.
Dazu ein großer Garten. Im Sommer muss er herrlich sein. Halb verwildert. Wachsen, wie er will. Gartenbeete auf einem erhöhten Sockel aus Steinen, darunter wahrscheinlich ein Erdkeller. Ein Rest von Symmetrie. Beetbegrenzungen aus Dachziegeln, was halt so da ist.
Und ganz hinten im Garten eine Installation. Ein Kleid aus Papier. Ein Tisch und ein Sessel auf Metallstäben quasi im Raum schwebend. Ich mag diese Bilder. Unaufdringlich in den Farben. Ansprechend. Die Aussage kommt einem oft erst beim zweiten Hinsehen in den Sinn.
Immer wieder queren die Kinder mein schlenderndes Schauen und bringen mich in die Realität zurück. Weil sie Dinge anfassen, die sie nicht anfassen sollen. Weil sie wie üblich bei sonntäglichen Unternehmungen plötzlich vom Hunger übermannt werden. Gut, dass es Kleinigkeiten zu essen gibt. Sie sind es auch, die unseren Besuch beenden. Weil sie unmissverständlich zu verstehen geben, dass es ihnen reicht. Weshalb ich mir vornehme, ein andermal wieder zu kommen. Aber dann alleine.
Wir brechen schließlich auf, besuchen noch die Ruine Dobra und beenden den Sonntagsausflug mit einem Einkehrschwung in der Goldenen Möwe/beim Schachtelwirt/McDo. Aber das sind andere Geschichten. Nicht minder unterhaltsam. Und darum spare ich sie mir für später auf.
Sonia Gansterer, Ein Traum, ein Wald 2016

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2 Gedanken zu “Ein Familienausflug und bedingt jugendfreie Scherenschnitte.

  1. Aber immerhin sind sie mitgekommen. Und haben sich auf Entdeckungstour begeben, die Kinder. Das ist doch was … Was das Anfassen angeht: Als ehemaliger Museumspädagoge bin ich ja der Auffassung, dass es nur sehr wenig gibt, was grundsätzlich nicht angefasst werden sollte. Gerade von Kindern. Weil die meiner Beobachtung nach sehr haptisch wahrnehmen. Sie wollten also unbedingt einen engeren Bezug herstellen. 🙂

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  2. Ja, sie sind mitgekommen. Wobei dem 8jährigen nichts Anderes übrig bleibt und der 12jährige zwar seinen Unwillen zu Schau stellt, aber trotzdem nicht alleine zu Hause bleiben mag. Die gemeinsamen familiären Unternehmungen werden weniger und jedem alles Recht machen geht ohnehin nicht.

    Mit dem Anfassen bin ich ganz bei dir, aber viele Erwachsene halten das eben nicht aus. In fremde Räume gehe ich prinzipiell mit Bedacht. 😉

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