Blau aus Berlin und Frau Vro.

In einem Anfall plötzlicher Nostalgie bin ich auf den Dachboden geklettert. Was ein an sich schon beachtliches Unterfangen ist, da ich selbiges nur widerwillig mache. Die Leiter ist schwer und aus Holz. Sie hat außerdem die Tendenz, sich aus ihrer Führungsschiene auszufädeln und mit Karacho in die Dachschräge hinein zu donnern. Dabei bemüht sie sich, alles und jedes niederzustrecken. Seien es nun Menschen oder Dinge. Deshalb muss ich mir einen Sessel zu Hilfe holen, damit ich die Leiter greife, bevor sie sich wieder selbständig macht. Ich bin bedauerlicherweise zehn Zentimeter zu klein. Meine Nostalgie muss also schon ziemlich heftig sein, wenn ich mir das antue.
Ich suche nämlich etwas! Genauer gesagt suche ich meine schriftlichen Unterlagen aus dem Kolleg. Die aus organischer Chemie. Ich suche die Notizen aus der allerersten Doppelstunde. Denn die sind daran schuld, dass ich seither chemischen Formeln und Reaktionsgleichungen verfallen bin. (Was nicht unbedingt gleichbedeutend damit ist, dass ich alles verstehe.)
Das Berliner Blau. Oh ja. Angeblich hat der Berliner Farbenmacher Diesbach die Herstellung zufällig entdeckt. Darum der Name.
Ich hatte gerade die Matura geschafft. Ich war ins Kolleg für Biochemie aufgenommen worden. Und das ohne Matura in Mathe oder Physik. Sondern mit einer Fachprüfung in Kochen, Restaurantservice und Hauswirtschaft zur Matura dazu. Ein neuer Lebensabschnitt begann. Frau Vro siedelte um und würde die nächsten drei Jahre in der großen Stadt zur Schule gehen. Viel gesehen habe ich von dieser großen Stadt nicht. Weder Kultur noch Nachtleben noch sonst was. In erster Linie U-Bahn, Straßenbahn, Schnellbahn, Schule und mein Zimmer. Viele neue Menschen. Voller Stundenplan. Ungewohntes Terrain. Ich war täglich mindestens zwei Stunden mit den Öffis unterwegs.
Ich hatte Bekanntschaft mit Karin geschlossen, wir wurden Sitznachbarn. Und dann hatten wir unsere allererste Doppelstunde. Organische Chemie. Es kam ein kleiner schmaler Mann zur Tür herein. Etwas wirres graues Haar. Viel zu lang. Das er sich immer wieder zur Seite aus dem Gesicht streifte. Wir waren neugierig. Aufmerksam. Amüsiert auch.
Er hat nicht lange herumgefackelt. Pflanzte sich vor der Tafel auf. So gut er das eben konnte. Groß war der Professor nicht. Und er machte eher den Eindruck eines verrückten Professors. Eines begeisterten verrückten Professors. Jedenfalls hat er uns dann die Berliner-Blau-Reaktion hingeknallt. Vielleicht war manches davon den anderen in der Klasse bekannt. Mir nicht. Ich hatte keine Ahnung von II-wertigem und III-wertigem Eisen. Von diesem Eisen(III)-hexacyanoferrat(II/III). Zwei Stunden lang erzählte und erklärte er. Kritzelte Zeichen und Buchstaben an die Tafel. Gleichungen. Mir schwirrte der Kopf vom Berliner Blau. Das ich bisher nur als Farbe aus dem Zeichenunterricht kannte. Wo meine Lehrer noch vor kurzem annahmen, ich würde eine eher künstlerische Laufbahn einschlagen. Irgendwas mit Kunst oder Restaurierung oder so etwas eben. Die Überraschung mit der Chemie war groß.
Und so saß ich da und bekam als wirklich allererste Reaktion die Gleichung für einen Farbstoff vorgesetzt.
Ich.war.gethrilled. TOTAL!
Als ich an diesem Tag mit dem Zug in meine Unterkunft zurück fuhr, blätterte ich meine Notizen durch und versuchte auch nur irgendetwas davon zu verstehen, was da über mich gekommen war. Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, was genau da geschrieben stand.
Wirkliches Wunderwutzi war ich nie. Ich musste mir vieles hart erarbeiten. Auch wenn ich mir oft wünschte, ich hätte ein intuitives Gespür für Reaktionen und Gleichungen. Die komplette Berliner-Blau-Gleichung weiß ich heute nicht mehr. Nur noch, dass II- und III-wertiges Eisen darin vorkommt. Jedenfalls bin ich an diesem Tag der Chemie total verfallen. Es war schlichtweg um mich geschehen. (Karin hat sich nach diesen beiden Stunden übrigens abgemeldet. Für sie war das Berliner Blau der reine Horror. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.)
Wegen dieser Notizen bin ich jetzt auf dem Dachboden. Aber ich finde nichts mehr. In einem anderen Anfall, diesmal aus Vernunft und nicht aus Nostalgie, habe ich alles, was ich ohnehin seit Jahren nicht mehr angesehen hatte, entsorgt. Es ist nicht mehr da. Mein wunderschönes Berliner Blau ist in Rauch aufgegangen oder als Zeitungspapier wiedergeboren worden oder als Recycling-Klopapier den Gully hinuntergeschwommen. Weg!
Es sind nur noch ein paar Unterlagen da aus meiner Laborzeit. Und einige kopierte Seiten Fachliteratur, nach der wir unsere Präparate synthetisierten. Das Berliner Blau mit blauer Tinte handschriftlich zu Papier gebracht ist weg. Das Foto ganz oben zeigt eine andere Reaktion. Für mich ist die Ästhetik und Faszination dieser Kreise und Pfeile und Striche aber immer noch dieselbe wie vor über zwanzig Jahren.
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