Ein Bild nur …

Es ist nur ein Bild. Ein Foto. Eine Ansicht von meinem Elternhaus, als ich ein Kind war. Mittlerweile ist es weggerissen worden und es steht der Neubau von meinem Bruder dort. Ich sehe mir dieses Bild an und bin eigentümlich wehmütig und – ehrlich gesagt – fluten die Tränen gerade meine Augen.
Dabei hat es ganz harmlos angefangen.
Ich hatte das ewige bunte Wollknäuelbild als Bildschirmhintergrund auf meinem PC satt. Und deshalb wollte ich es einfach gegen ein anderes austauschen. Das mache ich öfters. Ich denke auch nicht großartig darüber nach. Ich mag dieses Bild einfach. Seinen ganz speziellen, etwas in die Jahre gekommenen Charme. Die wild wuchernden Pflanzen mit ihrer ganz eigenen Ordnung. Und das Haus mit dem typischen blassgrünen groben Fassadenputz.
Doch dieses Mal sehe ich genauer hin. Sehe die unterschiedlichen Dachziegel am Dach. man nimmt zum Reparieren, was gerade da ist, weil eben nicht mehr da ist. Die Strauchrose ist mit der blauen Mähdrescherschnur hochgebunden – die gerade zur Hand war – und harmoniert wunderbar mit dem blauen Rittersporn. Im Vordergrund steht der Goldfelberich und bastelt noch an seinen Blüten. Dazwischen einige Sonnenblumen und ein wenig versteckt ein nur angedeutet rund geschnittener Buchsbaum. Der auch eher so wachsen durfte, wie es ihm gegeben war. Nur nicht zu hoch, damit er nicht das Fenster zuwucherte.
Das Fenster! Unsere damaligen Küchenfenster waren alte Kastenfenster. Zwei Flügel öffneten sich nach draußen, zwei nach innen. Solche Fenster waren auch im Schlafzimmer, wo wir nicht so oft hinkamen. Zwischen denen der Nikolaus seine Mandarinen, Erdnüsse, Schoko-Nikoläuse und die unvermeidliche lange Haselnussrute mit dem roten Band hinterließ.
Dieses Fenster in unsere Wohnküche. Es war das vordere einer sieben Meter langen Wohnküche, wo sich beinahe mein ganzes Kinderleben abspielte. Wo mein Bruder und ich auf die kleine Schwester aufpassen mussten, während meine Eltern auf dem Feld arbeiteten. Wo wir an den Kinderwagen vorne und hinten einen Strick anknoteten, uns an jedem Ende der Küche platzierten und das Baby-Schwesterlein im Kinderwagen hin und her zogen und schubsten, damit sie durch die andauernde Bewegung schläfrig und ruhig gehalten wurde.
Das Fenster lag so tief, dass nie wirklich viel Licht in die Küche kam. Und wenn doch, dann nur für kurze Zeit. Ein altes Bauernhaus mit dicken Mauern, die nur wenig Wärme hereinließen. Im Sommer war das eine Wohltat. Im Winter kaum zu heizen.

Sehr ihr das Thermometer am Fenster? Einmal im Winter hat es sogar -33°C angezeigt. Wir gingen trotzdem zur Schule, dick eingemummt stapften wir die zweihundert Meter zur Bushaltestelle.
Im Winter schmückten dann lange Eiszapfen den Dachvorsprung, manchmal fast einen Dreiviertelmeter lang. Dick und wulstig hingen sie herab. Wir Kinder hatten unsere Freude, wenn sie in unseren Händen schmolzen. Ungeachtet der Eiseskälte und der nassen Ärmelbündchen unserer Winterjacken. Eisblumen zierten die Fenster an besonders kalten Tagen und ließen noch weniger Licht herein. Wir legten unsere kleinen Handflächen an das Glas und schmolzen Figuren in die Blumen.
Und im Sommer? Barfuß durch den Hof und barfuß auf dem Rad rundherum in wildem Ritt. Wir waren draußen, so oft es nur ging. Hörten das Geklapper von Geschirr durch die offenen Kastenfenster. Wir wichen den Traktoren aus und schielten ängstlich zum Nachbarn, ob auch das Tor zu war und ob auch der Hund angeleint war und ob der Hund auch nirgends zu sehen war.
Das alles ist so lange her und doch ist die Erinnerung so frisch, als wäre es gestern gewesen. Die Rose gibt es noch. Das Haus musste Neuerem weichen. Und auch meine Mama ist nicht mehr. Das vor allem zieht und zupft heute an mir. Das Kummertier regt sich unruhig. Ein Jahr, sechs Monate, ein paar Tage. Die Zeit flieht. So lange schon wieder. So kurz erst.
So viele Dinge sind heute verschwunden. Außer diesem Bild. Und der Rose. Rot. Rosenrot. Wie es meine Mama ganz besonders liebte.


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