Books going wild! Meuterei bei Frau Vro.

Ich bin mitten im Haushalten. Der Ältere ist als Letzter von der Schule heim gekommen. Ich putze die Küche, vorher macht das nicht viel Sinn. Im Waschbecken des Badezimmers weicht die fertige Strickstola und wartet darauf, dass ich sie auf die Schaumstoffmatten aufstecke. Die Schaumstoffmatten habe ich vorher schon im Wohnzimmer aufgelegt, wo die Stola trocknen wird.

Für alle Unkundigen, die sich gerade fragen, warum ich eine Strickstola aufspannen muss: Wolle hat ein Gedächtnis. Wenn ich sie gut befeuchte und aufstecke, dann behält sie nach dem Trocknen diese Form. Lace-Muster kommen so erst richtig zur Geltung. Mit Gestrick aus Polytierchen, sprich Polyamid oder Polyacryl funktioniert das nicht. Es braucht immer einen nennenswerten Anteil an Schaf, Alpaka, Lama und Co. Man könnte ja fast behaupten, meine Stola ist eine intelligente welche. Man könnte weiter auch darüber sinnieren, ob meine Strickstola nicht mehr Hirn hat als so mancher Zeitgenosse. Aber solcherlei Gedanken behalte ich lieber für mich. 

Doch wo war ich? Ach ja, bei meinem haushalterischen Wahnsinn. Es herrscht Chaos. Ich habe hunderttausend Baustellen angefangen. Da fällt mein Blick auf ein Strickbuch, das unmotiviert im Wohnzimmer herumkugelt. Bücher übers Stricken, zum Thema Garten oder zu anderen handwerklichen Themen sind bei mir am Treppenplatzerl in einem Regal untergebracht. Weil ich grad im Vorbeilaufen bin, nehme ich es mit. Eile die Treppe hinauf und stopfe es ins oberste Regal zu den anderen Genossen.

Doch die nehmen mir das übel. Auch Bücher wehren sich gegen Überfüllung. Das Regal ächzt ein bisserl, dann geben die Regalböden nach. Es macht Rumms! Und noch einmal Rumms! Und noch einmal. Die letzten Rummser sind schon nur noch dumpf vernehmbar. Bei flüchtigem Hinsehen bemerkt man gar nichts. Das doofe Regal hat in der Seite nachgegeben und Regale wie Bücher sind zusammengesackt. Die dicken fetten Wälzer unter ihnen haben sich absichtlich schwer gemacht und noch ordentlich nachgedrückt. Was bleibt ist ein Buch-Regal-Buch-Regal-Buch-Sandwich.

So so. Meutern wollen sie also? Sich beschweren über den Platzmangel? Die Strickbücher mögen die Gartenbücher nicht. Die Gartenbücher mögen die Kalligraphiebücher nicht. Und die Erziehungsratgeber mag sowieso keiner.

Eigentlich … also eigentlich hätte jetzt noch eine Reihe Bücher Platz. Aber ich werde das nicht mit ansehen. Ordnung muss sein. Reihe für Reihe hole ich meine Bücher aus dem Regal, staple sie auf der Treppe. Da wehren sie sich schon wieder. Abenteuerlich schwanken die Stapel, wenn unten die dünnen kleinen die oben drauf gepackten dicken Wälzer tragen müssen. Fast wie im richtigen Leben, da tragen auch oft die Kleinen die Großen beziehungsweise jene, die sich groß geben. Ich sehe mir die Bescherung an. Soll ich warten, bis der mir Angetraute am Abend heim kommt? Ach nein. Kann ich selber. Ich hüpfe beschwingt die Treppe in den Keller hinunter und hole mir meine Helferlein aus der Werkstatt. Diesmal habe ich Glück. Der Akkuschrauber ist aufgeladen. Ein paar lange Schrauben finde ich auch. Wieder hinauf in den ersten Stock. Immer noch flott, nicht mehr ganz so beschwingt hüpfend.

Warum will ich überhaupt Sport treiben? Ich zähle schon gar nicht mehr mit, wie oft ich in den Keller laufe und wieder hinauf und weiter in den ersten Stock und wieder hinunter. Hanteln oder dergleichen brauche ich auch keine. Ich trage Wäschekörbe runter, Wäschekörbe rauf, Gemüse hinauf, Mist hinunter.

Wo war ich? Das Regal ist leergeräumt. Die Bücher stapeln sich rangelnd auf den Stufen. Die Regalböden lehnen müde an der Wand. Ich will das Regal zu mir drehen. Geht nicht. Das Mistdings klammert sich an die Wand. Festgeschraubt.  (Was eh gut ist. Da war mein Mann sehr gewissenhaft. Nicht, dass es die Treppe runter kippt.) Also wieder hinunter, Sessel geholt, wieder hinauf. Regal losschrauben. Regal von der Wand wegstellen. Ich mache kurzen Prozess. Drücke das Regal wieder zusammen, schaue, dass die hintere Wand in der Führungsschiene einrastet, montiere den mittleren Regalboden. Für Animositäten ist kein Platz. Dann setze ich den Akkuschrauber mit der Schraube an. Daumen mal Pi. Schon geht das Gesurre los. Ich treffe genau die Mitte. Die Schraube fixiert das Brett. Ich bin ganz überrascht, dass sie nicht irgendwo raus schaut. Das hätte mich gar nicht gewundert. Abmessen ist ja schließlich etwas für Feiglinge. Auf der anderen Seite gleich noch einmal. Sitzt, passt, hat Luft! Den Staub von den letzten zehn Jahren weg gewischt, Regal zur Wand gestellt, auf den Sessel rauf, Regal an der Wand fest geschraubt, runter vom Sessel, Sessel wieder hinunter in die Küche. Zirkeltraining? Work-out im Fitness Center? Pfüh! Kostet nur Geld. Home-out-working ist das neue Credo.

Kurz muss ich in die Küche. Ach du lieber Gott! Schnell die Lesebrille rauf, damit verschwimmt das Chaos ab einem halben Meter zu angenehmen, schummrigen Konturen. Ich  muss mich jetzt um meine Bücher kümmern. Eines nach dem anderen nehme ich zur Hand, wische gelegentlich den Staub weg, blättere sie durch. Die Rädelsführer des Aufstandes werden aussortiert. Die anderen in neuen Grüppchen zusammengelegt. Schließlich ist alles wieder gut. Meine liebsten und unentbehrlichen Schätze sind eingeordnet. Locker und luftig. Artgerechte Haltung. Neue Hausordnung. Ein ganzer Stoß stapelt sich nebenbei am Boden und harrt seines Abtransportes. Sie werden in Kürze das Haus verlassen. Zur freien Entnahme bei der Verwandtschaft oder den Kollegen oder am Wer-will-mich-Tisch in der Bücherei. Die Meuterei ist niedergeschlagen!

Das Chaos in der Küche hat geduldig gewartet. Das heiße Abwaschwasser hat sich in seiner reinigenden Begeisterung zwar abgekühlt und sieht mich mit traurigen Fettäuglein an, aber das kriegen wir hin. Da bin ich zuversichtlich. Und ganz zuletzt kommt noch die Stola dran. Der macht es nichts, wenn sie noch eine halbe Stunde länger im lauwarmen Wasser herumdümpelt. Die entspannt sich dabei prächtig. Bis ich sie aufpinne. Dann liegt sie da wie ein Fakir auf dem Nagelbrett. Nur andersrum.
 
 
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s