Montagsfrage: Lieber böse als gut oder doch von allem ein bisschen?

Das Buchfresserchen fragt diesmal danach, ob wir bestimmte Antagonisten in Büchern lieber haben als deren Protgonisten. Und warum das so ist.

Meine erste Antwort gleich einmal: Ja! Ja! JA! Seit frühester Kindheit … nicht, seit ich laufen kann, sondern seit ich den aneinandergereihten Buchstaben in Büchern einen Sinn entreißen kann … seit frühester Kindheit mag ich Siegfried nicht. Der Ring der Nibelungen war eines meiner ersten dicken Bücher, die ich daheim in die Finger bekam. Seit damals habe ich mehrere Versionen von den Nibelungen gelesen. Siegfried mag ich noch immer nicht.

Hagen von Tronje aber umso mehr. Auch wenn jemand jetzt einwirft, dass der falsche Hund gemeinsam mit Gunther beim Verrat an Siegfried maßgeblich beteiligt war. Aber wer wird denn da gleich so spitzfindig sein. Hat nicht Kriemhild ganz von selbst und freiwillig die Stelle markiert, wo das Lindenblatt hingefallen war? Hagen hat so etwas Herbes an sich. Etwas Tragisches und Verlorenes. Man will ihn irgendwie retten. Man will nicht hinnehmen, dass ihn keiner lieb hat. Oder nicht? Ich kann den blondgelockten Siegfried einfach nicht ausstehen. Dem immer alles gelingt, was er sich in den Kopf setzt. Notfalls auch mit zwergischen Zauberhilfsmitteln. Der als der strahlende Held gefeiert wird, weil er einem schwachen Gunther zu seiner Brunhilde verhilft. Dass die ihn verknotet neben dem Bett an die Wand hängt, ist nur legitim. Dass Siegfried dann schon wieder helfend in der Tarnkappe herbeieilt, finde ich jenseitig.  Hat er mit Kriemhild nicht genug zu tun? Wo sind wir denn? Nur weil Gunther im Bett seinen ehelichen Pflichten nicht nachkommt? Tja, mit Eheberatung und Paartherapie hatten es die Helden des Nibelungenliedes noch nicht so, wie es scheint. Aber mit guter Hilfe unter Freunden wohl schon eher!

Siegfried stelle ich mir immer vor als den dauernd gut gelaunten, gut aussehenden Ich-stehe-über-allen-Dingen-Hero. Mit blonder Dauerwelle à la Hansi Hinterseer. Aber ohne die Fell-Moon-Boots.  (Aber kann ich bei den Boots wirklich sicher sein? Worms soll ja angeblich einer der wärmsten und trockensten Orte Deutschlands sein. Also doch eher ohne die Fell-Boots.) Bitte entschuldigt, wenn ich jemandem zu nahetrete. Der Herr Hinterseer soll ein wirklich leiwander Typ sein. Aber sein äußeres Erscheinungsbild lässt mich etwas gruseln. Ist wohl nicht so ganz mein Beuteschema.

Hagen dagegen ist für mich der Macher. Der Gunther loyal ergeben ist. Der dessen Schwester Kriemhild liebt und dann zusehen muss, wie die von Siegfried erobert wird. Und die sich auch noch erobern lässt, weil Siegfried-Hansi-Dauerwelle so viel besser aussieht, so viel jünger ist und so viel umgänglicher womöglich auch noch als der etwas steife Hagen, der seine Qualitäten halt leider in anderen Dingen hat als im Frauen erobern.

Wer mir zur Montagsfrage spontan noch einfällt ist Staubfinger aus Tintenherz von Cornelia Funke. Er ist vielleicht nicht der klassische Antagonist. Aber er verfolgt seine eigenen Ziele und die sind nicht zwangsläufig zum Besseren von Mo, auch wenn man gerne glauben möchte, sie wären Freunde auf ewig. Immerhin hat auch Mo seine Frau verloren, weil er diese besondere Gabe hat. Staubfinger ist ambivalent, hin und her gerissen. Mo hat ihn aus seinem Leben herausgerissengelesen. Staubfinger ist eindeutig jene Figur, die ich in der Trilogie am liebsten mag. Mit ihm kann ich mich am besten identifizieren. Aber Staubfinger hat schon wieder so etwas Tragisches an sich, ein Held, nicht nur böse ist, der vielleicht gerettet werden will? Capricorn – der wirklich Böse in Tintenherz – ist mir nämlich total schnurz. Böse wie die Nacht finster. Wenn der irgendwie draufgeht, dann ist das nur gerecht.

Auch Kardinal de Richelieu hat mich immer fasziniert und in seinem Dunstkreis ganz besonders Lady de Winter. Nicht, dass ich deren Tun gutheiße. Aber die beiden ziehen ihre Fäden im Hintergrund, wägen ab, agieren besonnener als die Hau-drauf-wie-nix-Muske(l)tiere, die schon aufgrund ihrer hehren Absichten einfach gewinnen müssen. Alles tragische Figuren. Nehmen kein gutes Ende. Leider irgendwie.

Wenn ich das so zusammenfasse, dann JA! Es gibt reichlich Antagonisten, die ich fast noch lieber mag als die Protagonisten. Vielleicht einfach aus dem Grund, weil sie meist vielschichtiger dargestellt werden. Oder habe ich vielleicht ein latentes Helfersyndrom, dass gerade von den tragischen Figuren in den Büchern zum Vorschein geholt wird?

Aber was weiß denn ich!? Jeder Protagonist braucht eben seinen Antagonisten, sonst taugt das ja nichts. Langweilig wäre das. Ich habe immerhin auch meinen ewig grantlerten inneren Schweinehund, der einen prächtigen Gegenspieler abgibt, der aber trotzdem nicht nur böse ist. Ohne ihn könnte ich als Hauptakteur in meinem Lebensbuch kaum jemals so glänzen.

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2 Gedanken zu “Montagsfrage: Lieber böse als gut oder doch von allem ein bisschen?

  1. Du in der Rolle der guten im kontrast zum Schweinehund? 😉 Ja, ohne ihn, also nicht den Schweinehund, sondern den Gegenspieler, wäre eine Handlung oft nicht möglich.
    Liebst Grüße aus dem Kinderbuchreich, in das du als Mutter herzlich eingeladen bist.
    Anna

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