Frau Vro ist unentschlossen.

Frau Vro weiß nicht, was sie will. So geschehen an einem Sonntag wie diesem. Da scheint die Sonne morgens freundlich durchs Fenster, auch wenn es draußen herbstlich frisch ist. Aber ich kann mich nicht entscheiden. Faul im Bett liegen bleiben? Oder mit dem Rad ausfahren? Wenn ich jetzt nicht fahre, dann mag ich später sicher wieder nicht mehr. Weil es zu heiß ist. Oder weil ich den Nachmittag lieber mit meiner Familie verbringe. Jetzt würden sie noch schlafen, da gehe ich ihnen nicht ab. Mein Mann lacht mich aus. Für ihn ist klar: Sonntag ist gleichbedeutend mit länger liegen bleiben. Ich drehe mich zum wiederholten Male im Bett um und kann mich nicht entscheiden. Genervt setze ich mich auf.

„Ich geh jetzt erstmal gemütlich einen Kaffee trinken“, brumme ich dem Rücken meines Mannes zu und ziehe mich an.

„Was? Das machst im Raddress? Gemütlich Kaffee trinken?“, gibt er sich amüsiert, als er mich ansieht.

„Hmpf!“ Zu mehr mag ich mich nicht durchringen.

Ja, im Raddress. Mich freut es zwar nicht sonderlich, aber die günstige Gelegenheit mag ich nicht einfach so verstreichen lassen. Ich trinke meinen Kaffee, packe wieder einmal Müsliriegel und Trinkflasche und mache mich auf den Weg. Meine eigene Unentschlossenheit macht mich ganz grantig. Während ich das Mountainbike und mich startklar mache, überlege ich, welche Route.

Ich könnte gleich den Berg rauf Richtung Südwesten und meine Hausstrecke um ein paar Schlenkerer ausweiten, durch den Wald und vielleicht diese eine Mountainbike-Strecke fahren. 35 Kilometer. Pfuh, schon sehr ambitioniert! Freut mich ja eigentlich gar nicht, dass ich mich da heute so schinde. Ich ändere meinen Plan fast sofort, nachdem ich ihn geschmiedet habe. Passt!

Ich werde durch die Stadt fahren und Richtung Nordwesten unter der neuen Umfahrungsstraße weiter zum alten Gutshof und auf den Feldwegen weiträumig um meine Stadt herum. Das letzte Stück wie immer entlang des Flusses durch den Wald. Das wären ungefähr 25 Kilometer. Passt!

Unten in der Stadt angekommen muss ich links abbiegen. Tu ich aber nicht. Ich habe mich anders entschieden. Schon wieder! Fahre jetzt durch die Stadt durch und beim Biomasseheizwerk vorbei nach Osten. Eine meiner Lieblingsstrecken. Vorbei beim Stift und dann zur landwirtschaftlichen Schule, von dort zum Stausee und entlang der Bundesstraße zurück. Einen leichten Schwenk und bei der Tennishalle den Berg rauf. Das sind auch ungefähr 25 Kilometer. Passt!

Bei der landwirtschaftlichen Schule verlässt mich die Motivation. Stürzt zu Boden und kommt unter die Räder. Ich müsste jetzt links abbiegen, fahre aber rechts. Natürlich könnte ich jetzt auch gerade drüber und über die Bundesstraße und dann aus Süd-Süd-Ost nach Hause fahren. Das wären dann zumindest ungefähr 20 Kilometer. Passt!

Aber eigentlich freut es mich nicht. Ich trete nur halbherzig in die Pedale. Es zipft mich so richtig an. Der Schweinehund liegt am Rücken, hält alle Viere von sich und brüllt vor Lachen. Er schnauft schon nur noch, so entkräftet ist er. Ich pfeife auf alle möglichen Routenpläne, biege links ab und fahre schnurstracks nach Hause. Für die 13 Kilometer brauche ich heute eine Viertelstunde mehr als sonst. Ich tippe mir im Geiste an die Stirn, weil ich überhaupt ausgefahren bin. Faul am Gartensofa mit einem Buch wäre sinnvoller gewesen.

Als ich daheim ankomme, bin ich total erledigt. Mein Mann grinst, als ich ihm das alles so schildere. Das sei kein Wunder, ich sei ja mindestens 100 Kilometer gefahren.

Also ja, wenn ich das so bedenke. Da hat der Mann meines Herzens schon recht. Kein Wunder, dass ich jetzt so fertig bin. Für den restlichen Sonntag darf sich der Schweinehund von seinem Lachanfall erholen, ich sitze am Gartensofa und lese ein Buch.

 
 
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