Schreibkick: Die Hummel.

Schon wieder ein Monat um. Zeit für den Schreibkick. Wie immer am 1. eines Monats veröffentlichen die Mitschreiberlinge ihre Geschichten zu einem vorgegebenen Thema. Diesmal dreht sich alles um „die Hummel“. Die Idee zu den Schreibkicks kommt von Sabrina.
Viel Spaß beim Lesen!

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Sie summte so leise sie konnte. Was immer noch laut genug war. Eine Hummel war sie. Um Himmels Willen, eine Hummel! Wie jenseitig war das denn? Warum nicht eine Wespe mit einer schlanken Taille. Überhaupt sahen Wespen soviel wendiger und graziler aus. Aber sie musste eine Hummel sein!

Seit Stunden flog sie jetzt schon. Nur noch über diese eine Wiese. Schnurgerade peilte sie die Stadt an. Schon waren die ersten Häuser der Vororte zu sehen. Sie wusste sehr genau, wo sie hin musste. Sie hatte den Plan in ihrem Gehirn gespeichert und notfalls konnte sie in der Zentrale rückfragen.

Ihre Beine hingen locker vom Körper weg. Ohne jegliche Anspannung. Nur die Flügel bewegten sich kraftvoll und gleichmäßig. Auf und ab. Auf und ab. Auf und ab. Gelegentlich machte sie bei einer Blume oder einigen Blüten an einem Strauch Halt um Energie aufzutanken. Dann setzte sie ihren Weg fort. Sie transportierte eine wertvolle Fracht. An ihren Beinen hingen zwei dicke gelbe Klümpchen. Pollenklößchen, würde eine Lehrerin ihren Schulkindern erklären, die sie während ihres Wandertages gesehen hatten.

Sie lachte freudlos auf. Diese Menschen! Nie sahen sie genauer hin. Sie erwarteten eine Hummel. Also sahen sie eine Hummel. Sie erwarteten Pollenklößchen an ihren Beinen. Also sahen sie Pollenklößchen.

Sie war fast da. Die Hummel suchte sich ihren Weg durch die Vorstadt. Sie wich Lastwagen aus und entkam gefräßigen Vögeln. Erstickte fast an Autoabgasen und wurde von neonfarbenen Reklametafeln geblendet. Nichts konnte die Hummel aufhalten. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen. Sie sollte die Zielperson ausfindig machen und die dicken gelben Klümpchen abliefern. Gut, dass Sommer war. Das machte die Sache einfacher. In dieser Jahreszeit hatten die Menschen gern ihre Fenster offen. Sie suchten das Freie geradezu. Liebten Gastgärten und Essen an der frischen Luft. Schleckten Eis. Ein Eisstanitzerl! Das wäre der ultimative Glückstreffer, dachte die Hummel. Vielleicht war ihr heute das Glück hold.

Da vorne ging es rechts in die Gasse hinein. Sie erkannte den Ort an der großen Linde, die da in einem der Gärten stand. Es war der Garten der Zielperson. Die Hummel jubelte. Ihre Zielperson stand da unter dem Baum und spielte mit dem Hund. Ein gut aussehender Mann war das, in mittleren Jahren. Der große braune Labrador sprang begeistert um ihn herum. Hinter dem offenen Küchenfenster hantierte jemand mit Gemüse und Küchenmesser. Offenbar handelte es sich um seine Frau. Der Auftrag, ermahnte sich die Hummel, vergiss den Auftrag nicht! Durch die weit offen stehende Haustür stürmten zwei Kinder, vielleicht fünf und sieben Jahre alt. Ein altklug wirkendes Mädchen mit rötlichen Flechtzöpfen und Sommersprossen im Gesicht folgte einem ungestümen kleinen Jungen mit ebenfalls rötlichem Struwwelkopf. Beide in kurzen Hosen, kurzen Shirts und Sandalen. Sie machten einen unwahrscheinlichen Radau und schienen Spaß daran zu haben. Die Hummel flog mehrere Runden um sie herum. Immer auf ausreichend Abstand zum Hund bedacht. Nicht erst einmal hatte einer dieser Vierbeiner nach ihr geschnappt.

Die Hummel sollte ihre gelbe Klümpchenfracht bei der Zielperson abliefern. So lautete der Auftrag. In der Zentrale hatte keiner bemerkt, dass die Hummel auch die vertraulichen Informationen mitgehört hatte. „Ich will, dass er drauf geht“, hatte eine tiefe drohende Stimme gesagt. Eine weibliche Stimme. „Natürlich, Viola! Wir werden das zu deiner Zufriedenheit erfüllen“, das war der Chef der Hummel. „Natürlich werdet ihr das. Ich bezahle euch ja auch genug“, war die lapidare Antwort. Normalerweise brauchten die Agenten derlei Hintergrundinformationen nicht  zu wissen. Das machte den Job nur schwieriger.

Sie war eine der besten Agentinnen. Und sie war mit dem seltenen Talent des Gestaltwandelns gesegnet. Nur wenige konnten sich in andere Gestalten verwandeln. Am liebsten waren ihr Insekten. Manchmal Ratten oder Vögel. Nichts Auffälliges. Sie hatte eine Erfolgsquote von 100 Prozent. Also bis auf diesen einen Fall. Aber das war eigentlich der erste Fall gewesen, als sie noch in der Ausbildung war. Den zählte sie nicht mit. Sie hatte sich in eine Mücke verwandelt und dabei übersehen, dass die Zielperson Insektenspray benutzte. Es wäre beinahe tödlich gewesen. Aber sie hatte sich gerade noch so retten können. Seither war sie vorsichtiger und bereitete sich penibel auf ihre Einsätze vor.

In der Zentrale hatten sie darauf bestanden, dass sie sich in eine Hummel verwandelte. Das machte sie wütend. Es war unüblich, dass man einem Agenten seine Gestalt vorschrieb, in der er den Auftrag erledigte. Sie verstand den Sinn dahinter nicht. Wenn sie etwas nicht verstand, dann irritierte sie das. Irritationen konnten tödlich sein. Die Hummel war deshalb ziemlich ungehalten. Dass der Weg weit und sie als Hummel ausdauernder sei und dabei unbemerkt bliebe, war ein schwaches Argument. Sie hatte ihre Fracht erhalten und war losgeflogen. Nicht, ohne sich den ganzen Weg Gedanken zu machen, wozu das Ganze. Wer war diese Viola? Und dann die Zielperson. Ein Mann, offenbar mit Familie. Und Viola wollte diesen Mann tot sehen. Normalerweise machte sich die Hummel keine Gedanken. Doch diesmal wollte sie es wissen. Sie brauchte irgendein Argument, um in der Zentrale nachzufragen.

„Zentrale, bitte kommen! Zielperson befindet sich in Gesellschaft von Kindern. Wie sieht der weitere Plan aus?“

„Den Kindern darf nichts geschehen. Am besten in Deckung gehen und abwarten, bis die Gelegenheit günstig ist.“

Die Hummel ließ sich in der Linde nieder, sie saß auf einem Ast und konnte alles gut überblicken. Da kam ihr der Zufall zu Hilfe. Im Haus läutete ein Telefon, kurz darauf erschien die Frau in der Eingangstür. Sie schien nicht sonderlich begeistert.
„Jakob? Jakob, Viola ist am Telefon. Sie will mit dir sprechen.“

Der angesprochene Jakob schüttelte unwirsch den Kopf, runzelte dabei verärgert die Stirn. Der Hummel entging nicht die winzigste Regung. Trotz seines Unwillens griff er nach dem Telefon und sprach in das Mikrofon. Er bemühte sich sehr, blieb sachlich. Die Hummel hörte heftig hervor gestoßene Worte aus dem Lautsprecher. Es war dieselbe Stimme wie in der Zentrale. Es war eindeutig Viola. Die Hummel belauschte das Gespräch. Viola war offenbar Jakobs Vorgesetzte. Sie machte ihm Vorhaltungen, dass er seine Aufgaben vernachlässigte. Doch Jakob ging nicht darauf ein, erklärte ihr wieder und wieder, dass er dieses Wochenende mit seiner Familie verbringen würde und nicht in der Arbeit. Dass er seinen Hochzeitstag mit seiner Frau feiern wollte. Er senkte die Stimme, das Ganze war ihm unangenehm. Sie solle sich keinerlei Hoffnungen machen. Ja, sie hätten sich im Alkoholdunst der letzten Firmenfeier geküsst, aber da war nichts dran und es würde auch nicht wieder vorkommen.

Die Hummel verstand. Diese Viola wollte ihn erledigt haben, weil er sie hatte abblitzen lassen. Und jetzt sollte sie die gelbe Fracht abliefern. Diese gelbe Fracht. Ein schnell wirkendes Gift. Sie brauchte nur kurz über den Teller der Zielperson fliegen und sie abwerfen. Niemand würde das bemerken. Vielleicht würden sie kurz irritiert mit den Armen herumfuchteln, um das Insekt zu verscheuchen, und dann wieder zum Alltag übergehen. Die Zielperson hätte bald darauf ein tödliches Herzversagen, das sich keiner erklären konnte. Niemand würde auf die Idee kommen, dass ein Auftragsmord dahinter steckte.

Viola am Telefon redete sich in Rage. Zog fadenscheinige Argumente hervor, warum sie sich heute noch treffen mussten. Sie brauche diese Unterschrift noch heute. Morgen müsse sie ganz früh weg, um den Termin zeitgerecht wahrnehmen zu können. Jakob gab schließlich klein bei. Er lud sie zu sich ein, damit sie die Unterlagen fertig machen konnten. Dabei wirkte er unglücklich. Er sah zu seiner Frau hinüber, die ihn aufmerksam beobachtete. Seine Frau weiß von Viola und ihrem Flirten, dachte die Hummel. Sie zuckte nur die Schultern und ging ins Haus zurück. Jakob beendete das Gespräch mit Viola und ließ bedrückt die Schultern hängen. Um ihn herum tobten ausgelassen die Kinder und der Hund.

Viola und ihre markante Stimme. Der Hummel fiel es plötzlich wieder ein. Das war nicht das erste Mal. Sie hatte die Firma schon öfters beauftragt. Viola ging buchstäblich über Leichen, wenn sie nicht bekam, was sie haben wollte.

Die Hummel blieb auf ihrem Ast hinter den Lindenblättern und wartete auf eine günstige Gelegenheit. So lautete die Direktive. Gut, sie würde sich die Direktive etwas zurecht biegen. Sie wollte aus diesem Auftrag irgendwie heraus. Aber Moral war nicht angebracht. Die Agenten der Firma hatten sich nicht um die Gründe zu kümmern. Noch nie. Doch irgendwie war die Hummel heute nicht so taff wie sonst. Etwas wie ein Gewissen regte sich in ihr. Sie dachte an ihre Kindheit. Daran, wie ihr Vater eine andere Frau zu lieben begann und ihre Mutter mit den Kindern im Stich ließ. Sie glaubte diese Vergangenheit abgeschlossen. Sie war eine der besten Agentinnen. Sie war eine Gestaltwandlerin. Das hier war nur ein Job. Ihr Job. Sie musste sich das nur immer wieder in Erinnerung rufen.

Ein protziges Sportcoupé fuhr in die Auffahrt und kam geräuschvoll zum Stehen. Eine große üppige Frau stieg aus. Ihr Kostüm saß zu knapp und quetschte ihre weiblichen Rundungen unschön. Die Hummel summte angriffslustig und angewidert. Das sah so billig aus. Wen wollte sie damit beeindrucken? Sie begrüßte die Familie gekünstelt, verteilte Küsschen. Bei Jakob verharrte sie einen Augenblick zu lange. Sie streifte sein Ohr mit den rot bemalten Lippen und drückte sich an ihn. Die Situation war unerträglich. Jakob und seine Frau sahen sich an und warfen Viola mordlüsterne Blicke zu. Der Labrador knurrte. Die Kinder bemerkten nichts von der Spannung.

Jakob wollte sie so rasch wie möglich wieder los haben. „Erledigen wir das mit den Unterlagen besser gleich, damit wir …“
Viola unterbrach ihn und säuselte: „Wollt ihr mir nicht etwas zum Trinken anbieten. Es ist heute schrecklich heiß! Ein Glas Wein wäre wunderbar … Ah, da steht sogar eine Flasche Wein. Wie aufmerksam.“

Jakob wollte aufbegehren: „Diesen Wein hat mir meine Frau …“

Aber es war zu spät. Viola war zum Tisch getrippelt, hatte dabei betont aufreizend ihre Hüften geschwungen, die Nähte ihrer Strümpfe brachten ihre Beine perfekt zur Geltung. Doch der obere Saum der Strümpfe blitzte unter dem zu kurzen Rock hervor. Ob Versehen oder Absicht? Die perfekte Strumpfnaht wurde von Violas ordinärem Verhalten zunichte gemacht. Sie streifte Jakob im Vorbeigehen, ihre Hand lag kurz auf seinem Gesäß. Das ging eindeutig zu weit.

Als Viola Jakob und seine Frau nötigte, sich gegenseitig zuzuprosten, störte eine Hummel kurz die zerbrechliche Idylle. Erschrocken verscheuchten die drei das Insekt. Alle drei tranken von ihren Gläsern. Viola lachte überheblich und arrogant. Viel zu laut. Siegesgewiss beobachtete sie Jakob, der bestimmt bald zusammen brechen würde. Jakob begann zu husten. Viola lächelte wissend: „Ja, du Mistkerl, das ist dafür, dass ich nicht gut genug für dich war. Dabei bin ich soviel besser als dieses graue Mäuschen, das du Ehefrau nennst.“

Jakob hustete und hustete, er musste sich setzen. Doch dann lachte er auf einmal, atmete tief durch: „Pfuh, jetzt habe ich mich ordentlich verschluckt!“

Doch das hörte Viola nicht mehr. Sie zog noch einmal schmerzhaft die Luft ein. Als ihr Körper auf der Wiese aufschlug, war ihr Herz schon zum Stillstand gekommen.

Was für eine tragische Verwechslung! (Wie gut, dass der Auftrag schon bezahlt war.) So würde die Hummel es später erklären. Für sie war der Job erledigt. Ihre Trefferquote lag bei hundert Prozent.

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Diesmal haben mitgesummt:
Eva
Sabrina
Alicja

Das Thema für den 1. 10. 2016 lautet: Zufall

 

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2 Gedanken zu “Schreibkick: Die Hummel.

  1. Hallo Sabi,
    diese Hummel hat sich erst im Lauf der Geschichte gewandelt. *lach*
    Ursprünglich wollte ich die Hummel als von der zurückgewiesenen Viola ferngesteuerte Drohne aufbauen. Aber ab dem vierten Absatz hat sie sich einfach anders entwickelt. *upsi*
    Liebe Grüße,
    Veronika

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