Ich wollt, ich wär ein Huhn …


Um Himmels Willen! Nein! Will ich nicht! Aber:
Die Kinder wollen ein Haustier.
Ich halte die Luft an. Warte ab. Was ist es diesmal?
Hund. Katze. Kaninchen. Fische.
Hatten wir alles schon. Habe ich alles abgeschmettert.
„Wir wollen ein Hendl.“
Aha, daher weht der Wind. Meine Schwester hat welche. Da ist ihnen die Idee gekommen.
Ich mag keine Hühner. Ich bin traumatisiert.
Ich habe unsere Bauernhofhendl gehasst. Sie waren verlaust und grauslich. Der Hahn hat mich als Kind immer attackiert. Hühner sind grausam. Einmal habe ich gesehen, was sie mit einer Maus gemacht haben, die sich in den Auslauf verirrt hat. Nur so viel: die Maus hat es nicht überlebt, ihr Tod war brutal.
Ich mag Hühner am liebsten in der Pfanne.
Trotzdem habe ich schon manchmal überlegt, ob es möglich wäre. Ein paar Hühner im Garten zu halten. Ich überlege, wo ich die Einzäunung hinsetzen würde. Wie viele und welche. Allerdings überlege ich auch, was ich mit den alten kranken welchen mache. Muss ich die selber erlösen? Braucht es einen Hendlmörder? Was ist mit dem Marder, der immer auf meinem Auto die Windschutzscheibe runter rutscht? Bekommt der dann Appetit auf Huhn? Oder ziehen womöglich Ratten im Hühnerstall ein? Flattern die Hühner in die Hollerstaude und weiter in die Gärten der Nachbarn? Muss ich sie suchen und wieder einfangen? Ihre Flügel stutzen? Will ich soviel Aufregung?
Das Thema Huhn beschäftigt mich. Nur habe ich Hühner lieber in der Pfanne.
Da ist diese Erinnerung an kleine Küken, die meine Mama großgezogen hat. Sie kamen in einem Karton mit der Post. Mit vielen Luftlöchern drin. Dann stand dieser Karton die ersten Tage beim Holzofen in der Küche, damit die Kleinen es schön warm hatten. Die Katzen durften nicht herein. Die kleinen gelben Flauschebälle glucksten und fiepten. Wir Kinder waren begeistert, nahmen sie vorsichtig hoch und spürten das warme rhythmische Leben in  unseren Händen. Später kamen sie in eine große Holzbox mit Stroh und einer Wärmelampe, unter der sich die Küken drängten. Sie wurden größer und Federn wuchsen durch den weichen Flaum. Aus den Küken wurden Hühner-Teenies und wir Kinder verloren das Interesse.
Ich mochte die Viecher nicht. Wenn mich unsere Mama zum Eier absammeln schickte, drückte ich mich solange es nur irgendwie ging. Immer fuhren die depperten Biester auf meine Zehen hin, als wären es Würmer.
Manchmal entwischten sie aus dem Stall und rannten durch den Hof, versauten alles. Rupften die Pelargonien der Mama und ließen ihre Häufchen überall fallen. Wir konnten tagelang nicht barfuss durch den Hof rennen, ohne dass es zwischen den Zehen quatschte.
Einige wanderten in den Suppentopf. Dann holte mein Papa die Axt und rollte den großen Holzblock in den Hof. Schnappte sich das Hendl und … Rübe ab. Das ging so schnell, dass das Huhn es gar nicht mitbekam. Minutenlang rannte es orientierungslos durch die Gegend. Niemals wurde mir der Ausspruch „Du rennst herum wie ein kopfloses Hendl!“ so deutlich vor Augen geführt wie damals. Danach bekam ich das Huhn in die Hand gedrückt und einen Kübel mit heißem Wasser. Federn ausrupfen! Nasse dampfige Federn riechen richtig grausig. Dass mir dabei der Appetit schon vor dem Essen verging, weiß ich auch noch.
Ich mag Hühner in der Pfanne heute wieder. Oder ein Hühnerragout mit Erbsen und Spätzle. Mhmmm.
Die Hühner von der Mama nahmen einen fulminanten Abgang. Eines Sonntagmorgens entdeckten wir sie friedlich auf dem Boden des Hühnerstalls liegend. Es war dennoch ein Desaster. Ein Fuchs war durch die schlecht  geschlossene Klappe gekommen und in einen Blutrausch verfallen. Dreißig tot gebissene Hühner. Drei Überlebende. Die sich hinter die Legeplätze verkrochen hatten. Danach gab es in meinem Elternhaus keine Hühner mehr. Meine Mama holte die Eier vom Nachbarn, der seine Landwirtschaft in einen Legebetrieb umbaute mit glücklichen freilaufenden Hühnern.
Schon faszinierend, welche Gedanken aufkommen, wenn meine Kinder nur andeuten, dass sie gern ein Huhn als Haustier hätten.


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