Frau Vro trifft auf Vespa crabro. Oder war es umgekehrt?

 

Ich bin zuhause. Bin ich zwar jetzt jeden Tag. Aber es ist ein Donnerstag. Da beende ich meine Arbeit mittags und bin früher zuhause. Meist schmiede ich schon am Vormittag diverse Pläne, wie der Nachmittag zu gestalten sei. Normalerweise werfe ich die Waschmaschine an oder putze das Haus geschwind durch und das war’s dann.

Diesmal ist es anders. Überraschend kommt mein Neffe zu Besuch. Das haben die beiden Mütter so still und heimlich ausgemacht, dass alle anderen Familienmitglieder völlig perplex sind. Mein Jüngerer mault mich an, dass ich ihm das vorher sagen hätte können. Ich maule zurück, ich wüsste es selber erst ein paar Stunden. Was nicht bedeutet, dass es ihm unrecht gewesen wäre. Die beiden gehen gemeinsam zur Schule und wissen sich schon was miteinander anzufangen. Meistens jedenfalls. Aber das ist jetzt eine andere Geschichte und überdies nicht erwähnenswert, weil keiner mit jedem immer bussi-bussi lieb und nett ist.

Wir haben nach einem verregneten und unbeständigen Sommer jetzt herrlichstes Spätsommer-Frühherbst-Wetter. Die Wetterprognosen versprechen bis zu dreißig Grad, im Waldviertel schaffen wir eher um die 25 Grad. Was mir auch nichts macht. Ich hab’s ohnehin lieber ein bisserl frischer.

Die Kinder spielen im Garten und weigern sich, mit mir in die Stadt zum Shoppen zu gehen. (Nein, gar nichts Schlimmes. Bücherei. Buchhandlung. Brot kaufen.) Zu heiß. Zu anstrengend. Zu fad. Ich gehe auch nach draußen, will meine Nase in ein Buch stecken. Aber ich kann nicht still sitzen, möchte mich bewegen. So suche ich mir eben im Garten etwas zu tun. Die Suche dauert nicht lange. Der Rasen gehört gemäht. Der Phlox ist unansehnlich geworden. Der Flieder hat vertrocknete Zweige und braucht einen Sommerschnitt.

Ich greife zu meinem liebsten Gartenwerkzeug – meiner Gartenschere – und fange in einem Eck zu arbeiten an. Der Jüngere und mein Neffe spielen um die Ecke, der Ältere hat mir den Rasenmäher abgenommen und müht sich mit all den Kanten und Hindernissen ab. Ich mische mich nicht ein. Rasenmähen ist die einzige Tätigkeit, die er offenbar nicht als Arbeit ansieht und die ihn deshalb auch nicht sofort das Weite suchen lässt. Dass er nach getaner Arbeit einfach alles liegen und stehen lässt, ist jetzt wieder eine andere Sache.

Ich habe meinen Gemüsegarten soweit in Ordnung gebracht und mache mich an den Flieder. Als ich die Ausläufer am Boden abschneide, werde ich attackiert. Ich denke an eine Wespe. Na toll! Die Narben der hopfigen Gegenwehr verblassen gerade erst, jetzt fällt mich eine Wespe an.

Es surrt. Es brennt. Irgendwas fliegt davon. Das Drecksvieh hat mich an der Stirn erwischt.

Ich lasse alles fallen und leiste Erste (Selbst)Hilfe. Rein ins Haus und weg aus der Gefahrenzone. Klatsche mir ein Tiefkühlkräutersackerl aus der Kühltruhe auf die Stirn. Danach sitze ich mit einem eiskalten nassen Lappen gegen die rechte Stirn gedrückt auf der Terrasse und komme mir vor wie Hellboy im Frühstadium. Nur einseitig eben. Warte darauf, dass mir eine dicke Beule wächst. Aber nichts. Es tut nur weh und ist leicht gerötet.

Später gehe ich nochmal zum Flieder, will mein Werk zu Ende bringen. Weil: was mich nicht umbringt, macht mich härter. (So ein Blödsinn, aber egal jetzt!) Es schwirrt immer noch im Fliederbusch. Nur Wespen sind das keine. Ich bin vorsichtig und schaue genau hin. Da fliegen vier oder fünf Hornissen und saugen an den frisch geschnittenen Ästen von vorhin den Pflanzensaft. Man möchte meinen, ich müsste schockiert und panisch davon rennen. Aber nein! Frau Vro und ihre Neugier bleiben stehen und schauen.

Ich hole mir die Kamera und zoome heran. Es reicht nicht. Ich gehe näher. Schließlich stehe ich fast im Flieder drin und schon sind sie wieder da. Fliegen um mich herum. Ich suche nach einem Nest. Was aber illusorisch ist. Wenn hier ein Nest wäre, dann wären a) die Hornissen sehr viel zahlreicher und b) nicht so entspannt wie diese da. Ich frage mich, wo sie wohl ihr Nest haben.

Die Hornissen sind etwas fotoscheu. Jedes Mal, wenn ich die Kamera zücke, sind sie weg. Kaum greife ich zur Gartenschere und will weitermachen, sind sie wieder da. So spielen wir das Spielchen eine Weile. Dann habe ich eine Idee. Ich schneide ein paar Äste gleich in meiner Nähe. Und spekuliere, dass sie den frischen Pflanzensaft riechen und genau hierher kommen. Danach lege ich mich auf die Lauer. Sinnbildlich. Ich gehe in die Hocke und bringe die Kamera auf Anschlag. Mir schlafen die Beine ein. Jetzt schmerzt nicht nur meine Stirn. Ich beiße die Zähne zusammen und warte. Warte. Warte. Warte noch ein wenig länger. Da! Jetzt sind sie wieder da. Eine sitzt auf dem Ast und gibt mir ein perfektes Profil.

Danach gebe ich endlich Ruhe und klatsche mir wieder den nassen Fetzen auf die Stirn. Es brennt noch immer ordentlich. Das Mistvieh muss mich durch eine Ader gestochen haben und ihren Stachel gegen mein Stirnbein gerammt haben. Hoffentlich tut ihr der Stachel auch so weh wie mir die Stirn. Das wäre nur gerecht.

Das Internetz erzählt spannende Sachen über Vespa crabro, die Hornisse. Sie ist an Kuchen und Eis nicht interessiert und große Völker fressen bis zu einem halben Kilogramm Insekten am Tag. Auch Wespen. Die Hornisse fängt sie im Flug und enthauptet sie. Kappt Beine und Flügel und den Hinterleib auch noch. Nur die Brustpanzer mit der proteinreichen Thoraxmuskulatur schleppt sie ins Nest als Nahrung. Sie sei friedfertig und würde eher davonfliegen als angreifen.

 

Dass sie mich gestochen hat, war ein unglückliches Zusammentreffen. Von mir aus dürfen sie gerne bleiben. Solange sie ihr Nest weit genug weg vom Haus bauen.

 
 
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