Ein kleiner Italiener.

Es ist schon viele Jahre her, da hat auch Frau Vro einmal ihren Führerschein gemacht. Während alle anderen aus ihrer Gegend die Fahrschule in der nächstgelegenen Kleinstadt besucht haben, hat sich Frau Vro gemeinsam mit ihrer Freundin für Krems entschieden.
Heute kann ich wirklich nicht mehr sagen, warum genau eigentlich. Wenn ich das Moped so betrachte, dann frage ich mich sogar, was mich da geritten hat. In Huldigung der guten alten Zeit habe ich die Farbe aus dem Bild genommen. Obwohl – jetzt komme ich mir noch älter vor. Das ist sooooo lange her!
Kurz vor Beginn des Kurses starteten wir unsere Mopeds und ziehen los. Wir wohnten außerhalb von Krems und brauchten ein Verkehrsmittel. Die Mopeds mussten also irgendwie mit. Wir hatten 56 Kilometer vor uns und fuhren den Seiberer hinunter. Das sind ungefähr 1000 Höhenmeter, aber bergab war das kein Problem.
Für die Dauer des Kurses wohnten wir im Haus ihrer Großmutter, sie war zu der Zeit nicht da, und wir betreuten ihren Garten mit. In erster Linie plünderten wir das Gemüse fürs Abendessen.
Bei genauerem Nachdenken muss ich feststellen, dass ich nicht mehr sehr viel in Erinnerung habe. Die erste Fahrt vom Oma-Haus zur Fahrschule weiß ich noch. Das erste Mal in einer größeren Stadt mit Abbiegespuren und Ampeln und nennenswertem Autoverkehr. Ich als das totale Landei bin gefahren wie der erste Mensch. Mit dem Auto war es ähnlich. Krems hat viele enge Straßen, steile Straßen und Radwege. Reichlich Herausforderungen. Dazu ein Fahrlehrer, der jung und nett und gutaussehend war. Frau Vro in ihrer Sturm- und Drangzeit. Hui. Wie soll man sich da aufs Autofahren konzentrieren?
Handy? Hatten wir nicht. Es gab nur Festnetz im Oma-Haus oder Telefonzellen. Also nichts mit schnell mal Zusammentelefonieren. An den Wochenenden waren da Brüder oder Eltern, die uns mit nach Hause genommen haben. Die Mopeds blieben im Oma-Haus.
Dann hatten wir beide unsere Führerscheinprüfungen. Gleich beim ersten Mal geschafft. Wir packten zusammen, fuhren auf die Bezirkshauptmannschaft in Krems und holten uns den Deckel ab. Danach ging es zurück nach Hause. Diesmal mussten wir den Seiberer hinauf. Ich dürfte jetzt mit dem Auto fahren, habe aber keines. Nur dieses doofe Moped, das auf der Ebene wie nix dahin zischte. Bei der Bergwertung verreckte es elendiglich. Während meine Freundin klar im Vorteil war mit ihren zwei Gängen und davon düste, musste ich bei meinem mittreten, damit ich überhaupt noch vorankomme. Es war erniedrigend. Es war peinlich. Es dauerte ewig. Irgendwann kamen wir dann aber doch an.
Warum ich gerade jetzt diese Geschichte erzähle? Gestern war ich mit den Jungs beim Papa und der Familie meines Bruders. Da stand das Moped im Hof. Die Garelli. Unser kleiner Italiener.  Mittlerweile in die Jahre gekommen. Etwas ramponiert. Es fährt tatsächlich immer noch. Und ich hatte auf einmal dieses Déjà-vu. Während ich noch nichtsahnend mit meinem kleinen Neffen im Kinderwagen spazieren fuhr, haben mein Bruder und mein Älterer die Gunst der Stunde genutzt. Geredet haben sie schon lange davon, dass mein Älterer mal fahren darf. Ich habe immer abgeblockt. Zu jung. Zu gefährlich. Das hat noch Zeit. Ich habe sie nur kurz aus den Augen gelassen. Und dann? Sie haben das Moped gestartet und mein Sohnemann hat seine ersten Runden hinter dem Haus auf der Wiese gedreht. Ich wusste sofort, was los war. Ich musste gar nicht sehen, wer auf dem Moped saß. Niemand sonst gibt so viel Gas.
Es sei denn, er ist noch nie mit so einem Ding gefahren.
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