Frau Vro traut sich was.

Urlaub. Wir gehen jeden Abend auf Futtersuche. In einer etwas abgelegenen Straße finden wir ein kleines Lokal. Fische. Frisch gemachte Pasta. Mein Herz hüpft vor Freude. Das der Jungs weniger. Der Größere ist eher bodenständig veranlagt, was keinen Fisch auf dem Teller einschließt. Der Kleinere ist in seiner Speisenauswahl extrem selektiv. Sollten sie keine Pommes haben, bleibt ihm nur noch ein Buttersemmerl.

Ein Blick auf die Speisekarte lässt uns kurz schlucken. Gehobenere Preisklasse. Hm hm. Der Liebste meint, eh egal, gönnen wir uns was. Ich lade dich ein.
Am Vorabend waren wir beim Italiener, dort ging es unkompliziert zu. Hier haben wir eher den Eindruck, dass wir underdressed sind.
Ich entdecke in der Speisekarte Hummer. Oh ja, bitte. Ich will. Bin nicht sicher. Soll ich. Suche weiter. Aber ich komme immer wieder zum Hummer zurück. Mein Kleinerer hat es da leicht. Er bestellt Pommes mit Ketchup. Luxus-Pommes.
Ich bestelle mir einen Aperitiv zum Mut antrinken und bleibe dabei. Heute will ich es wissen: Frische Tagliolini mit einem halben Hummer in einer leichten Sahnesoße.
Als ich mein Spezialbesteck bekomme, wird der Größere erstmals aufmerksam. Er hat Spaghetti mit Soße Bolognese bestellt. Das ist unverfänglich.
Und dann ist er da. Mein erster Hummer. Also mein erster halber Hummer. Ich amüsiere mich königlich. Ich spüre die interessierten Blicke ringsherum und zerlege mein armes Meeresgetier souverän. Instinktiv verwende ich mein Spezialwerkzeug richtig. Die Zange schaut ungefähr so aus wie jene, mit der eine Woche zuvor der Zahnarzt dem Kleineren einen Zahn gezogen hat.

Der sitzt neben mir, genießt seine Pommes und beobachtet erheitert meine Bemühungen, an mein Essen zu kommen. Die Tagliolini sind selbst gemacht und köstlich. Hin und wieder brauche ich eine Gabel voll davon, damit ich bei den Sezierarbeiten am Hummer nicht verhungere.
Der Größere ist angewidert und ihm graust ganz fürchterlich. Auf mein geliebtes Sensibelchen hatte ich ganz vergessen! Er ekelt sich und wirft mir böswillige Absicht vor. Richtet seinen Blick beharrlich in seinen Teller mit Spaghetti.
Der Kleinere interessiert sich vor allem für die Anatomie. Er würde das niemals auch nur ansatzweise essen, aber das ist ja kein Grund, nicht einen genaueren Blick darauf zu werfen. Ob der Panzer hart sei? Ob in den Scheren auch Fleisch sei? Als er nach den Organen fragt, hat der Größere genug. Wegschauen kann er ja noch, weghören geht nicht mehr. Er verdrückt sich erst einmal aufs Klo, um seine Contenance wieder zu finden.
Wahrscheinlich hat ihm auch der Anblick seiner Mutter gereicht, die gerade ein Hummerbeinchen aussaugt. Was dem Kleineren einen Lacher entlockt. Der Größere kann erst nach dem dritten Anlauf das Wort „auszuzzeln“ aussprechen, so würgt er.
Während der Größere also im kleinen Kabäuschen sitzt und um Fassung ringt, inspizieren der Kleinere und ich das Auge und den Panzer und die Antennen. Als der Größere wieder zurückkommt, habe ich die Hummerreste auf den Abfallteller gehäuft und er braucht nur noch den Anblick der restlichen Tagliolini ertragen.
Mittlerweile hat es zu schütten begonnen, die anderen Gäste sind ins Lokal geflüchtet. Wir haben die Sonnenschirme über uns und sind die einzigen, die es draußen noch gut aushalten.
Ich wische mir die Finger ab, mein Größerer hat sich wieder beruhigt, mein Kleinerer ist mit seinen Luxus-Pommes glücklich geworden und der Liebste bezahlt die Rechnung.
Er hat übrigens auch gut gespeist. Wenn auch weniger spektakulär als ich.

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