Frau Vro nimmt sich frei.


Ich bin urlaubsreif. Aber bis zum eigentlichen Sommerurlaub dauert es noch eine Weile. Ich merke es an Kleinigkeiten, ich bin nicht so entspannt wie sonst. Also trage ich spontan einen Tag Zeitausgleich ein. Ich erzähle es nicht groß herum. Sonst bleibt der Tag womöglich nicht mehr nur für mich.
Gleich nachdem ich Mann und Kinder bei der Haustür hinauskomplimentiert habe, packe ich zusammen. Hüpfe ins Radlgewand. Stopfe das Bike in mein Auto. Mache mich auf den Weg zu Michaela. Wir wollen gemeinsam ausfahren. Sie will mir eine Strecke bei ihr zuhause zeigen. Eine willkommene Abwechslung!
Ein kleiner, allerwinzigster Hauch von schlechtem Gewissen streift mich. Der Liebste geht arbeiten, die Jungs in die Schule, ich aber lasse es mir gut gehen.
„Sei still!“, sage ich zu mir selber.
Also bin ich still.
Ich starte das Auto, drehe die Lautstärke vom Radio hoch und summe vorfreudig mit. Es mischt sich eine zweite Stimme dazu. Verdammt! Sitzt doch glatt die Muse neben mir. Sie gibt sich fröhlich. „Wo fahren wir hin?“, piepst sie aufgeregt. Ich wollte sie nicht mitnehmen. Schon gar nicht nach dem Theater von letztens.
„Du hör mal, ich werde mich nicht dauernd mit dir unterhalten. Im Gegenteil!“ Erkläre ihr, dass ich mir das mit Michaela ausgemacht habe, weil wir uns selten treffen. Und dass ich nicht vorhabe, irgendwelche Geistesblitze und Gedankenfunken mit ihr zu jonglieren.
„Okay!“, stimmt sie sofort zu.
Ich bin verwirrt, weil sie heute so ausgeglichen und gut gelaunt ist.
Dann  bin ich da. Wir packen unsere Rucksäcke, schwingen uns aufs Rad und treten los. Wir müssen erst mal unser Tempo abstimmen. Die Muse hüpft locker luftig lässig neben uns her. Wir fressen Höhenmeter um Höhenmeter und ich merke es nicht mal. Nur manchmal wird es mir zu anstrengend, so nebenher auch noch zu tratschen, dann verstumme ich und muss mich konzentrieren.
Es ist ein wunderschöner Tag und eigentlich sind wir schon ein wenig spät dran. Es ist acht Uhr und die Sonne brennt schon ordentlich herunter. Unser Ziel ist die alte Wehrkirche auf dem Johannesberg, die hier jeder kennt, nur ich nicht. Oben angekommen schwächle ich ein wenig. Mein Kreislauf dreht mir eine lange Nase. Auch die Muse sieht mich lange nachdenklich an. Ich würde gerne viele Fotos von alten Steinen und gotischen Fenstern und den beeindruckenden Mauern der Kirche machen. Nur fehlt mir die Ruhe. Ich habe die Kamera im Rucksack, aber jetzt trotzdem keine Lust zum Fotografieren. Dafür nehme ich mir ein anderes Mal so richtig viel Zeit. Dann hole ich mir auch den Schlüssel unten beim Bauern, damit ich in die Kirche hinein kann.
Ab da wird es besser. Mein Kreislauf lässt sich doch noch einmal motivieren. Vielleicht will er der Muse imponieren. Wir dehnen unsere ursprüngliche Strecke um einige zusätzliche Kilometer aus, weil es so gut läuft. Danach setzen wir uns bei Michaela in den Hof und lassen die Radtour ausklingen. Die Muse hüpft immer noch herum, zupft an Blättern und ist heute seltsam gut gelaunt. Vielleicht brauchte sie auch einen freien Tag. An dem sie keine Musenküsse verteilen muss. Geküsst hat mich übrigens die Sonne. Weil ich mich nicht eingecremt habe. Selber schuld! Das findet auch die Muse. Gesagt hat sie nichts. Sie zieht nur die Augenbrauen hoch und schweigt. Wie laut ihr Schweigen doch manchmal ist.
Michaela und ich wollen das wiederholen. Ganz sicher. Und ganz bald. Die Muse will auch wieder mit. Mal sehen, welchen Berg wir sie dann hochjagen. Beim Heimfahren hüllt sie sich in Schweigen, schaut verträumt beim Fenster hinaus. Nur ihre kleinen Füsse wippen rhythmisch auf und ab und hin und wieder steckt sie geistesabwesend einen Finger in die Nase.

Vielleicht denkt sie über neue Geschichten nach …



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