Story Cubes: Fabian fällt ins Wasser.

Fabian fiel. Und fiel. Und fiel. Er wollte schreien vor Angst, aber es ging nicht. Voller Verwunderung probierte er es noch einmal. Nur sein Mund stand offen, aber schreien konnte er nicht. Es war nichts zu hören. Er sah nach unten und sah nur Wasser unter sich. Es kam rasend schnell auf ihn zu. Platsch! Mit einem vernehmlichen Platscher tauchte er ins kalte Wasser und ging unter. Gerade noch rechtzeitig hatte er den Mund wieder zugemacht. Fabian fing wie wild zum Strampeln an und tauchte dem hellen Licht entgegen. Nur nicht panisch werden, hörte er sich reden. Bleib ruhig! Er zog die Arme ruhig nach hinten durch und tauchte auf.
Wasser war ihm in die Nase gekommen. Es brannte schrecklich. Er spuckte und schnappte nach Luft. Igitt. Salzwasser. Er war ins Meer gefallen. Aber wie? Und woher? Er strampelte und ruderte einmal um seine Achse und sah sich um. Er musste an Land. Selbst ein Boot hätte gereicht. Nein, kein Boot. Aber da! Da, weit hinten sah er dunstige Wolken und ein paar Berggipfel. Kurz verließ ihn der Mut. Das war weit, ziemlich weit sogar. Aber er hatte ohnehin keine Wahl, wenn er hier nicht ertrinken wollte.
Er überlegte und rief sich alles in Erinnerung, was er jemals übers Schwimmen gelernt hatte. Dann schwamm er los. Immer den Blick auf die Berge gerichtet. Langsam und stetig. Sparsam wollte er seine Kräfte gebrauchen. Doch der Abstand wurde nicht geringer. Die Zeit schlich dahin und er wurde müde. Seine Arme brannten vor Schmerzen und Verzweiflung kroch in ihm hoch. Er schluchzte laut. Mama!!!!
Hör auf zu flennen und schwimme, schimpfte er sich selber. Mama war nicht da. Hatte er ihr doch erst am Nachmittag entgegen gebrüllt, er sei dreizehn, er könne sehr gut auf sich allein aufpassen und sie solle ihn nicht immer so bevormunden. Das hatte er jetzt davon. Jetzt konnte er sich beweisen, wie gut er auf sich aufpassen konnte. Ihm war gar nicht nach Sich-beweisen und Ich-kann-das-schon-allein. Wo war eigentlich sein Smartphone, das hatte er doch sonst immer dabei. Er griff ganz selbstverständlich zur Hosentasche und ging sofort unter. Die Nase war schon wieder voller Wasser. Er spuckte und keuchte und brachte sich wieder in eine sichere Lage über Wasser.
Mann, wie bescheuert kann man sein? Das Handy war nicht da. Es wäre ohnehin schon hinüber gewesen. Wahrscheinlich gab es hier auch keinen Empfang. Toll! Er war wirklich auf sich allein gestellt. Das war bitter. Und die Erfahrung schmeckte ihm gar nicht. Mittlerweile war er so erschöpft, dass er sich auf den Rücken drehte und mit sachten Bewegungen weiter paddelte. Immer wieder mal drehte er sich um und schaute nach den Bergen. Er wollte nicht riskieren, dass ihn die Strömung abtrieb.
Fabian hatte seine Schuhe längst abgestreift. Er trug nur noch eine dünne Baumwollhose und sein T-Shirt. Verwirrt registrierte er die Hose. Das war doch seine Pyjamahose. Was war das alles? Träumte er etwa?
Irgendwann fiel er in eine gewisse Trance. Seine Arme und Beine bewegten sich in immer gleichförmigem Rhythmus weiter. Er war erschöpft und sein Geist versagte ihm den Dienst. Als er auf einmal jäh gebremst wurde. Er war gegen einen Felsen geschwommen. Fabian erschrak so sehr, dass er wild um sich schlug. Er war am Ufer. Endlich. Er konnte es kaum fassen. Er hatte es tatsächlich endlich geschafft.
Jetzt liefen die Tränen. Er war so erleichtert. Er war nicht ertrunken. Nach einer kurzen Pause rappelte er sich auf. Schuhe wären jetzt gut gewesen, dachte er sich, als er über die spitzen Steine am Strand stakste. Er behielt die Berge im Blick. Fast hätte er den großen Rabenvogel übersehen, der von links auf ihn zugeflogen kam.
„Guten Tag!“
Fabian fuhr herum. Wer hatte ihn da begrüßt? Er war noch ganz überrascht von dem Vogel, dem er gerade noch ausgewichen war. Seine Schwingen streiften ganz leicht sein nasses wirres Haar.
„Guten Tag!“
Schon wieder. Da dämmerte ihm, dass das der Vogel gewesen sein musste. Das wurde alles immer seltsamer.
„Guten Tag!“, tönte der schwarze Vogel jetzt schon sehr viel ungeduldiger.
„Guten Tag?“, entgegnete Fabian. Das schien den Raben endlich zufrieden zu stellen.
„Du komm!“, forderte ihn das Federvieh auf.
Okay, dachte sich der Junge und ging dem Raben nach. Was sollte er auch sonst tun? Er war ja hoffentlich nicht auf einer Insel mit Kannibalen gelandet…
Ohje, das hätte er sich nicht denken sollen. Schon begann seine Fantasie Purzelbäume zu schlagen. Er wollte unbedingt auf der Hut bleiben und aufmerksam sein.
Als der Rabe plötzlich nach rechts schwenkte und hinter ein paar Palmen verschwand, blieb Fabian unschlüssig stehen. Was kam da jetzt dahinter wohl? Er ging zögernd weiter, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und sah sich nach Fluchtmöglichkeiten um. Nur für den Fall.
Dann stand er auf einmal vor einer kleinen Fischerhütte. Sie war grob zusammengezimmert aus Ästen und Brettern und Treibholz. Sie sah fast ein wenig aus wie sein Baumhaus, dass er mit seinen Freunden ganz hinten im riesigen Garten daheim zusammengebaut hatte. Vor der Hütte saßen ein sehr alter und ein noch sehr junger Mann. Der junge Mann entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Teenager, er konnte kaum fünfzehn sein. Mit einem breiten Lächeln begrüßte er ihn.  Welche Sprache auch immer die Bewohner hier sprachen, Fabian verstand sie mühelos.
Fabian war noch immer zurückhaltend. Er war nicht sicher, ob er den Fremden vertrauen konnte.
„Ich bin ins Wasser gefallen. Wo bin ich hier? Ich muss zu meiner Familie nach Hause.“
Der Alte nickte zahnlos lächelnd. Fabian fragte sich insgeheim, wie klar er noch im Kopf war. Aber der jüngere bedeutete ihm, mit ihm zu kommen.
„Du musst zuerst essen. Und deine nassen Sachen trocknen. Der Wind frischt auf, es wird bald kühl werden.“
Fabian gehorchte sofort, er war froh, dass sich jemand seiner annahm. Auch wenn seine Fragen nicht beantwortet worden waren.
„Wo bin ich hier?“
Wieder stellte er diese Frage, während er sein T-Shirt über den Kopf zog und es über eine grobe Leine zum Trocknen hängte, die zwischen der Hütte und einer Palme gespannt war.
„Das hier ist das Land, wo man erwachsen wird. Du brauchst dich nie mehr um die Ratschläge und Forderungen der anderen kümmern, sie haben keine Bedeutung. Du kannst selbst entscheiden, was du für richtig hältst. Du tust, was du willst“, erklärte ihm der große Junge. Das hörte sich toll an. Fabian war begeistert. Nie mehr das tun, was seine Eltern wollten. Was die Lehrer wollten. Immer wollte irgendwer etwas von ihm. Er war es so leid. Dabei biss er in das Brot, das ihm der Junge hingestellt hatte und nahm auch von dem Fisch, obwohl er Fisch eigentlich nicht ausstehen konnte.
„Ich bin übrigens Naibaf“, erklärte der braungebrannte Junge weiter, „am besten gehst du in die große Stadt, die mit den vielen Türmen. Sie liegt dort hinter den Bergen. Da geht es am allerschnellsten, erwachsen zu werden. Dort findest du wahrscheinlich Arbeit, sicher ist es nicht. Denn es gibt natürlich auch die andere Seite. Wenn du erwachsen bist und nur tust, was du willst, dann bist du für die Folgen auch selbst verantwortlich.“
Fabian schluckte. „Und? Warst du dort? In der Stadt? Bist du dort erwachsen geworden?“
„Ja. Und nein! Ich war in der großen Stadt und wollte mich beweisen. Ich wollte nicht immer nach der Pfeife von meinem Großvater tanzen müssen. Tu dies, tu das! Also bin ich gegangen. Obwohl mir Großvater gesagt hat, ich solle es mir gut überlegen. Und er hat mir gesagt, ich könne jederzeit wieder zurückkommen.“
„Was ist passiert? Hat es dir nicht gefallen, endlich erwachsen und selbstbestimmt zu sein?“
„Weißt du, ich bin noch lange genug erwachsen. Selbst dann wirst du nie völlig selbstbestimmt sein. Mir hat es sehr geholfen, dass mir Großvater gesagt hat, ich könne wiederkommen. Ich hätte mich sonst nicht getraut.“

„Was tust du jetzt? Du lebst wieder bei deinem Großvater?“
„Ja, das tue ich. Er kommandiert mich herum. Ich werfe die Fischernetze aus und verkaufe die Fische auf dem Markt in der Stadt. Er sitzt daheim und bessert die Netze aus. Und wir kümmern uns um die Gestrandeten. Die, die es schaffen, bis ans Ufer zu schwimmen, weil sie es nicht erwarten können. Solche wie du einer bist. Du willst doch auch unbedingt schon „groß“ sein.“
Fabian reagierte verstimmt. „Was soll daran bitte jetzt verkehrt sein?“
„Ach, verkehrt ist es nicht. Aber überleg doch einmal. Hast du nicht noch Zeit? Bist noch in einem behüteten Zuhause, kannst noch in Ruhe lernen wie es ist, für sich selber zu bestimmen. Kannst es üben und notfalls fängst du einfach noch einmal an, wenn du einen Fehler gemacht hast. Natürlich geht das später auch, aber es wird mühsamer und schwerer.“
„Das weißt du alles mit deinen höchstens fünfzehn, oder was?“, fuhr Fabian Naibaf an.
„Lass dich von meinem Alter nicht täuschen“, entgegnete Naibaf ruhig. Er pfiff kurz und der schwarze Rabe flog in weitem Bogen auf sie zu. Er ließ sich auf einer Sessellehne nieder, krallte seine Krallen um das Holz. Er musste hier öfter landen, die Holzlehne war schon ganz aufgerissen und voller Furchen.
„Das hier“, stellte Naibaf den Raben vor, „ist Nestor. Ich habe ihn als Küken gefunden und aufgezogen. Er ist sehr klug. Und mir eine große Hilfe. Weil er die Gestrandeten immer als Erster sieht. Und ich nicht immer den Strand absuchen kann. Es wundert dich, dass er sprechen kann, nicht wahr?“
„Ohja, mich wundert vieles. Aber eigentlich möchte ich nach Hause. Kannst du… kannst… kannst du mir helfen? Bitte?“
Naibaf merkte sehr wohl, wie schwer Fabian diese Bitte gefallen war. Allen fiel diese Bitte schwer, die Bitte um Hilfe. Wo sie doch schnellstmöglich erwachsen werden wollten. Die besonders hartnäckigen gingen vorher in die Stadt und versuchten ihr Glück. Aber fast alle kamen zurück. Nach einigen Tagen oder auch nach einigen Wochen. Sie waren kleinlaut oder verzweifelt. Beschämt oder ernüchtert. Sie weinten oder forderten. Letztlich aber waren sie alle sehr still und baten um Hilfe. In der Stadt war Hilfe rar. Hier bei ihm und seinen Großvater aber waren sie bei ihrer Ankunft freundlich behandelt worden. Das merkten sich alle. Selbst die, die ihm höhnisch und frech an den Kopf geworfen hatten, er sei nur ein dummer einfältiger Fischer, der nichts von der Welt wisse. Die waren es, die dann ganz besonders klein zurückkamen.

„Bist du sicher, dass du nicht doch einen Blick auf die Stadt werfen willst? Was ist mit deinem Wunsch nach dem Erwachsenwerden?“, fragte Naibaf nun.
Fabian zögerte: „Ich weiß nicht. Ich denke, es hat noch Zeit. Ich bin die ganze Strecke geschwommen, weißt du das. Ich hätte mir das nie zugetraut. Aber ich musste. Ich hatte keine Wahl.“
„Ich weiß. Das war eine große Leistung von dir. Wer weiß, was du noch alles schaffen kannst.“
„Nein“, sprach Fabian jetzt, entschlossen und schnell, „nein, ich will nach Hause. Kannst du mir helfen?“
„Warte!“, befahl ihm Naibaf. Er ging in die Hütte und holte ein Päckchen heraus. Es war ein Geschenk. Sogar eine Schleife war daran.
Fabian schaute ihn fragend an. „Mach es auf!“, sagte Naibaf, „Mach es auf und wünsche dich nach Hause!“
Fabian war sich auf einmal sicher, dass er hier auf den Arm genommen wurde. Aber was konnte er jetzt schon großartig tun. Er nahm den Deckel von der Geschenkschachtel ab und wünschte sich nach Hause. Die kleine rechteckige Schachtel wurde immer größer und größer und er fühlte sich plötzlich hinein gezogen. Aus dem Hintergrund hörte er noch ein leises „Auf Wiedersehen, Fabian!“ Deutlich konnte er das Lächeln in der Stimme hören. Es wurde dunkel um ihn herum und er fuhr mit einem Ruck in die Höhe.
Er saß in seinem Bett. Mit durchgeschwitzter Pyjamahose, das T-Shirt hing schief über der Sessellehne. „Pfuh, das war nur ein Traum. Aber ein sehr realer.“ Fabian atmete tief durch. Er mußte sich erst ein wenig fangen. Das war heftig gewesen. Ganz zittrig fühlte er sich, als wäre er stundenlang unterwegs gewesen. Er würde seiner Mutter am nächsten Morgen sagen, dass sie Recht hatte. Und er würde sich entschuldigen, weil er sie so angebrüllt hatte. Er dachte auch an Naibaf und seinen Großvater.
Da fiel sein Blick auf seine Hand. Seine Finger hielten eine kleine Schleife umschlossen. Eine Schleife von einem Geschenk…

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