Coming out.

Ich werde heute mein Schweigen brechen. Dieses stille Verleugnen und Verstecken muss ein Ende haben. Ich will nicht mehr. Nicht eine Sekunde länger.

Ich… ja, ich… also ich…
Ich gehöre auch dazu.

Zur Sippe der Schlürfer und Tunker.

???

Schon von klein auf waren wir immer Tunker. Wir haben Schwarzbrotstreifen im 1 cm x 1 cm Querschnitt in flüssigen Honig getunkt. Oder in versprudelten Sauerrahm. Oder in das flüssige gelbe Innere eines weichgekochten Eies.

Meine Mama muss wohl den Grundstein dafür gelegt haben. Vielleicht aus purem Eigennutz, damit sie uns zu Honig, Sauerrahm oder Ei auch noch das Brot unterschummeln konnte. Das ist eine nicht zu unterschätzende Taktik. Auch mein Jüngerer – seines Zeichens extrem unflexibel, was seinen Speiseplan anbelangt – lernte so das weiche Ei lieben.

Mein Papa hatte ganz andere Ideen und Vorlieben, die genauso Einzug in unsere Erziehung fanden. Was meine Mama nicht gern sah. Mein Papa drückte nämlich gern sein Butterbrot in die Zuckerdose. Und sein Butterbrot war wirklich ein Butterbrot. Mit ordentlich Butter drauf. Das habe ich beibehalten. Ein Brot mit Butter so dünn, dass gerade mal die Poren zugeschmiert sind – nein, das ist kein richtiges Butterbrot. Na jedenfalls hat er gern mal das Butterbrot in den Zucker gedrückt. Da konnte es schon passieren, dass Butterschmierstreifen am Rand der Dose blieben. Und schon waren wir wieder erwischt. Der Papa, ich, mein jüngerer Bruder.

Meine Mama hat das mit dem Drücken auch gemacht. Nämlich in frisch geschnittene kleine Schnittlauchröllchen. Oh ja, das war auch nicht zu verachten. Aus dem Butterbrot wurde eine grüne Wiese.

Der Papa hat manchmal der Mama ganz gern beim Kochen geholfen. Nämlich beim Ausbacken der Schnitzel. Da sammeln sich die Röststoffe so schön am Rand. Und die musste er immer herausfischen, damit das Fett nicht so schnell verbrannte.  Hat er zumindest immer gesagt. Wo die Reströststoffe hin verschwanden? In den Mist ganz sicher nicht. Ich habe es später auch eine Zeitlang so gehalten. Allerdings brauchte ich ein Stück Brot dazu. Mir war das sonst zu gehaltvoll.

Und schließlich nicht zu vergessen – Soletti. Diese dünnen knusprigen Salzstangerl. Mit dem Papa haben wir damit Furchen in die Butter gegraben. Salzstangerl mit Butter sind ein Gedicht. Was hat die Mama da geschimpft! Leider gab’s die dann auch nicht so oft. Aber die Butter sah immer fürchterlich aus, wenn der Papa und wir Kinder mit den Salzstangerln angerückt sind.

In die Butter grabe ich keine Furchen mehr. Aber zum Dippen in Kräutertopfen und Co sind diese knusprigen Stangerl immer noch sehr sehr praktisch.

Wie die Sache mit der Marinadenschlürferei begonnen hat, weiß ich nicht so genau. Vielleicht beim Gurkensalat mit Rahm. Der mit Gurkenwasser verdünnte Rahm war ja immer viel zu schade zum Wegwerfen. Ich kann mich erinnern, dass wir um die Wette gelöffelt haben, weil ja keiner zu kurz kommen wollte.

 
Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich extra mehr Rahm verwende, damit dann auch noch nennenswert Marinade übrig bleibt. Und mein Mann wundert sich, warum der Salat so schwimmt. 

Ich schaue zur Seite und wasche meine Hände in Unschuld. Was? Ach! Ist mir passiert. Tüdeldü.

Oder Tomatensalat zum Beispiel. Wenn sich die Aromen von Essig und Öl mit denen der reifen Tomaten verbinden. Wie kann man so etwas denn bitte wegleeren?

Manchmal schlürfe ich auch die restliche Marinade vom Blattsalat, wenn auf dem Aceto balsamico noch ein paar Kernöltropfen schwimmen. Oder wenn die reingeschnippelten Radieschen die Marinade rosa gefärbt haben.

Wer schüttelt hier entgeistert den Kopf?

Die einen trinken ihr Wasser mit Apfelessig am Morgen, um den Kreislauf anzukurbeln. Naja, ich trinke es zu Mittag. Sauer soll ja lustig machen.

Ich weiß, nicht jeder versteht uns. Meine Männer mich ja auch nicht. Deshalb schlürfe ich erst, wenn mir keiner mehr zusieht. Am besten gleich beim Geschirrspüler, damit ich dann die Salatschüssel ganz unschuldig einräumen kann. Und möglichst leise. Schnell noch mit der Hand über die Mundwinkel gewischt. Kernöl hinterlässt verräterische Spuren.

Irgendwann hatte ich dann das totale Aha-Erlebnis. Nämlich als meine Nachbarn nach dem Essen Schüsselchen austeilten, damit sich jeder von der Marinade nehmen kann. Ich war sprachlos.

Offen ausgelebter Marinadenschlürferkult!

Seitdem weiß ich ganz sicher: Ich bin nicht allein!
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8 Gedanken zu “Coming out.

  1. Nein, liebe Vro, du bist nicht allein. Ich gehöre auch dazu, zu den Schlürfern und Tunkern. Bei mir bleibt kein Tröpfchen Sauce in der Pfanne und schon gar nicht auf dem Teller. Zu Hause wird er hemmungslos abgeleckt, wenn die Sauce besonders fein schmeckt. Auswärts müssen halt Kartoffeln und Co herhalten zum Sauce Auftunken. Manchmal brauchts dann einen Extralöffel Sauce. Und dann kann es sein, dass das Schicksal erbarmungslos zuschlägt. Da bleibt dann ein kleiner Rest Sauce auf dem Teller, und du hast keine Kartoffel mehr. Also noch ein Kartöffelchen nachgeschöpft…

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  2. Ich denke, wir sind gar nicht so wenige. Aber das geschieht im Geheimen. Sonst würden wir uns der Annahme aussetzen, wir wären Gierschlünde.

    Es ist zugegebenermaßen immer eine Gratwanderung, alles genauso einzuteilen, dass nichts übrig bleibt. 😉

    Überhaupt ist es ein Fluch, wenn man für sich selber gar so gut kocht. *gg*

    LG

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  3. Pingback: Anwärter auf den Darwin-Award. | vro jongliert

  4. Auch ich oute mich 😉
    Die Salatsoße – um Himmelswillen nicht am Essig sparen. Und leider auch nicht am Salz 😦 … Dem Essig sagt man ja wenigstens noch einen gewissen Gesundheitsnutzen nach.
    Ich weine immer fast, wenn Gäste in den Salatschüsseln Soße übergelassen haben, die nun vergeudet ist. Das habe ich von meiner Mutter und übrigens, wie es sich gehört, an meine Töchter weitergegeben. Besonders die Große liebt meinen Salat, aber bitte mit viiiieeel Soße 😉
    Liebe Grüße

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