Hänsel und Gretel re-loaded.

Heute ist Sonntag und ich habe endlich wieder eine Geschichte für euch fertig. Ich fürchte allerdings, es ist auch diesmal keine Geschichte mit Happy End. Ich kann mir wirklich nicht erklären, warum meine Fantasie immer öfter in diese Richtung abdriftet.



Frau Riedler lebte am Ende der Straße. Es war ein typisches Straßendorf, alle Häuser links und rechts der Hauptstraße aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. Und an deren Ende lebte Frau Riedler.

Sie war eine alte Frau. Tief gebückt ging sie in langsamen vorsichtigen Schritten ihren täglichen Arbeiten nach. Trockene schmale Lippen verzogen sich manchmal zu einem zahnlosen Lächeln. Und ihre grauen Augen blickten angestrengt umher. Auch sie waren alt und schwach geworden.

Sie lebte da also in ihrem kleinen Häuschen am Ortsende. Schon lange lebte sie da. Und auch schon lange alleine. Ihr Mann war vor vielen Jahren unter rätselhaften Umständen gestorben. Ihre Kinder? Ja, die waren ebenfalls lange fort. Manche munkelten ja, sie habe Mann wie Kinder… naja, ihr wisst schon!… sie hat damals… jedenfalls ging es nicht mit rechten Dingen zu.

Andere wussten ganz sicher, dass Frau Riedler eine Hexe sein musste. Sie doch nur! Dieser verhärmte boshafte Zug um die Mundwinkel, der Buckel und die langen krallenartigen Fingernägel. So sieht doch kein  normaler Mensch aus! So oder so ähnlich tuschelten die Frauen, wenn sie sich in der hiesigen Greisslerei beim Einkaufen trafen.

Deren Kinder tobten herum, liefen anderen vor die Füße und manch einer der älteren fand sich besonders mutig, wenn er Frau Riedler im Vorbeilaufen den Stock wegschubste.

Wenn das passierte, hielten manche Frauen erschrocken die Luft an aus Angst, die alte Hexe könnte sich rächen. Die anderen lachten dann nur über die abergläubische Furcht. Sie ermahnten die Kinder zur Vorsicht. Doch sagten sie das nur so dahin. Eigentlich war es ihnen egal.

Im Wirtshaus wurde genauso gemauschelt. Die Männer waren um nichts besser als die Frauen. Über ihre Bierkrüge gebeugt besprachen sie Flurschäden, Totgeburten im Stall und kaputte Maschinen.

„Ich bin ja nicht abergläubisch, aber es würde mich nicht wundern, wenn die Alte…“

So oder so ähnlich wurde im Wirtshaus getratscht.

Frau Riedler indes ging ihrer Wege. Ihr fehlte ein wenig der soziale Anschluss. Die Dorfleute gingen ihr aus dem Weg. Das schmerzte. Die Alten waren weggestorben, die Jungen lebten in einer anderen Welt, die sie nicht verstand. Der Mann war im Rausch dem Stier vor die Hörner gestolpert und totgetrampelt worden.

Ihre Kinder hatten sich anderswo niedergelassen und dachten selten an die immer schrulliger werdende Mutter. Es gab Tage, da war sie des Lebens müde. Hatte sich krumm und bucklig geschuftet. Sie war alt und einsam. Aber sie klagte nicht. Und so wusste auch keiner, dass sie eigentlich längst Hilfe benötigte.

Eines Tages im Frühling geschah es nun, dass einige Kinder auf dem Kirchenplatz ihre Späße mit der alten Riedler-Hexe trieben. Es war Sonntag, die Messe vorbei. Hier und da standen noch Leute beisammen. Auch Hannes und Margarete waren dabei.

Sie beobachteten die alte Frau, wie sie in ihrer großen Tasche nach einem zerknüllten Stofftaschentuch kramte. Dabei sahen sie, dass etwas herausfiel. Immer wieder, während die Frau nichtsahnend den langen Weg zu ihrem Haus ging. Mal waren es ein paar in Folie eingewickelte Zuckerl, dann einige Münzen. Einmal fiel sogar ein Geldschein zu Boden. Sie merkte nichts. Die beiden Kinder merkten es aber sehr wohl. Langsam und unauffällig gingen sie ihr nach. Hoben die Zuckerl auf und das Geld sowieso. Gier blitzte in ihren Augen auf. Ohnehin herrschte bei den beiden chronische Geldnot. Das Taschengeld reichte nie.

Das wäre eine günstige Gelegenheit, wenn die Alte so nachlässig mit ihrem Geld umging. Beim Hinterherschleichen schmiedeten sie einen Plan.

Sie drückten sich jetzt öfters beim Haus am Ortsende herum. Bis Frau Riedler sie eines Tages ansprach. „Was wollt ihr hier? Verlaufen habt ihr euch ja wohl nicht.“ Die zwei warfen sich einen verschwörerischen Blick zu. Sie tischten der alten Frau Lügengeschichten auf, dass sich die Balken nur so bogen. Wie streng der Vater daheim sei, dass er auch vor Ohrfeigen nicht zurück schrecke. Und wie gemein die Mutter, die sie nur immer daheim arbeiten ließe und ihnen auch noch das Taschengeld kürze, wenn sie nicht flott genug mithalfen.

Böse Verleumdungen waren das. Frau Riedler gefiel gar nicht, wie schlecht die Kinder von den Eltern sprachen. „Ihr sollt Mutter und Vater ehren, vergesst das nicht!“ Aber die beiden Kinder kümmerte das vierte Gebot nicht. Sie begannen die alte Frau einzulullen und zu umgarnen. Flüsterten ihr zu, wie lieb sie sie hätten und dass sie bei ihr wenigstens einmal ein wenig glücklicher und fröhlicher sein könnten.

Die alte Frau sehnte sich so sehr nach etwas Freundlichkeit und Gesellschaft. Sie war glücklich darüber, dass es offenbar noch nette Menschen gab. So schob sie alle Bedenken und jegliches Misstrauen beiseite. Sicher tat es ihr leid, dass die zwei so strenge Eltern hatten. Sie kam gar nicht auf den Gedanken, dass hier etwas faul sein könnte. Und so merkte sie auch nichts von der Verlogenheit der beiden Kinder.

Frau Riedler bat die beiden zu bleiben und nach diesem Tag nur ja recht oft wieder zu kommen.

Von da an sah man die zwei oft bei Frau Riedler. Hannes und Margarete sahen das als ein großes Abenteuer. Sie trugen ihr die Einkaufstaschen nach Hause, hackten Holz oder halfen ihr ein wenig im Haus. Doch dabei hielten sie immer die Augen offen. Margarete stöberte bei jeder Gelegenheit im Haus herum, leise und heimlich. Hannes horchte die gebrechliche Frau gleich unverfroren und direkt aus. Was sie früher gearbeitet habe, wie viel sie dabei verdient hätte? Ob sie ganz alleine sei? Ihn mochte sie offenbar ganz besonders. Sie steckte ihm immer wieder einmal Süßigkeiten zu, weil er ohnehin viel zu dünn sei.

Doch so gutgläubig und naiv Frau Riedler auch schien, komplett dumm war sie nicht. Sie hatte längst so einen Verdacht, dass die Kinder sie angelogen hatten. Eigentlich müsste ich sie wegschicken, dachte sie bei sich. Aber dann überlegte sie, dass sie die zwei ruhig noch länger helfen lassen konnte. Sie brauchte die Hilfe ohnehin. Soviel war klar.

Und so nutzten sie sich auch gegenseitig aus. Ganz ehrlich waren weder Hannes und Margarete noch Frau Riedler.

Hannes und Margarete wurden des Abenteuers langsam überdrüssig. Sie wollten den Monatsletzten abwarten, wenn die Rente ausbezahlt wurde, und sich das Geld nehmen. Sie wussten längst wo Frau Riedler ihre Pension aufhob. Immer wieder bedienten sie sich und entwendeten kleinere Beträge. Aber Margarethe hatte es satt, das Geschirr abzuwaschen oder Einkauftaschen zu schleppen und Hannes dabei zuzusehen, wie er am durchgesessenen Sofa vor der altertümlichen Glotze lümmelte und Pralinen und Kekse in sich hinein stopfte.

Doch sie war unvorsichtig geworden. Sie hatte in den Geldkrug über der Spüle gelangt und übersehen, dass Frau Riedler herein kam.
„Was tust du da?“ „Ich habe das Wechselgeld vom Einkaufen zurück gegeben“, entgegnete Margarete prompt.

„Aber du hast doch die Scheine noch in der Hand!“ Frau Riedlers Stimme wurde dünn und schrill, als sie sich immer mehr aufregte. „Das ist weit mehr, als ich dir gegeben hatte.“

Margarete begann zu stottern, nach Ausflüchten zu suchen. Die alte Frau erkannte, wie sie ausgenutzt und betrogen worden war. Der Ton wurde rauer und lauter. Böse Worte flogen durch die Luft. Margarete scheuchte Hannes vom Sofa und wollte jetzt sofort gehen. Frau Riedler wollte auf der Stelle das Geld zurück haben.

Im Herrgottswinkel brannte immer eine Kerze für Frau Riedlers verstorbenen Mann. Irgendwie war in all dem Streit und Tumult aber der Vorhang zur Seite gerutscht und hatte sich in den Herrgottswinkel gebauscht. Dort fing er plötzlich Feuer.

Erschrocken hielten die Kinder inne. Der Zorn von Frau Riedler wandelte sich in Schrecken. „Helft mir! Helft mir das Feuer löschen!“

Aber Margarete krallte ihre Finger in Hannes’ Ärmel und zog in fort. „Komm! Wir haben hier nichts mehr verloren!“ Hannes zögerte. Derweil griffen die Flammen um sich. Die Vorhänge zischten und brannten im Nu lichterloh. Das Kreuz im Herrgottswinkel hatte sich in einen bösen Feuergott verwandelt. Die Flammen griffen auf das Tischtuch über, tanzten über Sitzdeckerl und ein auf der Sessellehne hängendes Geschirrtuch  und hüpften zur Fettpfanne am Herdrand.

Ein Feuerkreis stand zwischen Frau Riedler und den Kindern. „Komm jetzt!“ herrschte Margarete ihren Bruder an. Der sah zu Frau Riedler. Diese hatte sich angstvoll an die Wand gedrückt. Ihre Augen weit aufgerissen vor Entsetzen streckte sie einen Arm nach ihm aus. „Hilf mir!“ flüsterte ihre Stimme durch die fauchenden Flammen.

Die Kinder wandten sich ab und rissen die Tür auf. Der plötzliche Luftzug ließ die Flammen zischend hochfahren.

Das Mädchen und der Junge stürmten davon. Sie versteckten sich in Margaretes Zimmer, die Geldscheine lagen vor ihnen am Boden. Margarete hatte sie fallen gelassen, als wären sie selber brennend heiß. Hannes hielt es nicht mehr aus, er nahm sein Telefon und wählte den Notruf. Bald schon hörten sie die Sirene heulen und die Feuerwehr vorbei rasen. Wie gelähmt saßen sie da und rührten sich nicht. Nur ihre Augen folgten dem Zeiger auf der Wanduhr, wie die Zeit verstrich.

Indes stand das alte schäbige Bauernhaus am Ortsende lichterloh in Flammen. Es war zu spät. Die Feuerwehr konnte nichts mehr retten. Bis auf die Grundmauern brannte es nieder. In der Küche fand man eine verbrannte Leiche. Es konnte sich nur um Frau Riedler selbst handeln. Sie musste wohl eine brennende Kerze übersehen haben.

Die Ruine blieb noch eine Zeitlang so stehen. Der Brandgeruch hielt sich hartnäckig und lange. Die Kinder von Frau Riedler kamen ins Dorf. Sie begruben ihre Mutter und luden die Dorfbewohner zum Trunk nach dem Begräbnis. Viele kamen um die Kinder von Frau Riedler zu sehen. Man hatte ja immer gedacht, die Alte hätte… naja, sie hätte ein dunkles Geheimnis… aber gut, jetzt sah man ja, dass die Kinder von ihr lebten, waren erwachsen, hatten eigenen Kinder. Es war wohl mehr Neugier als Trauer um Frau Riedler, die die Dorfleute zum Begräbnis gehen ließ.

Natürlich zeigten sich auch Bestürzung und Mitgefühl bei den Menschen im Ort. Die Vorstellung, dass jemand lebendig verbrennen muss… Und doch! Man hörte auch hin und wieder ein verhalten gemurmeltes „Jetzt hat die Hexe gebrannt!“

Und Margarete und Hannes? Was war mit denen, werdet ihr fragen.

Nun, die waren sehr still geworden. Aber irgendwann verdrängten sie ihre Schuld an dem Ganzen. Bald lief das Leben den gewohnten Gang.

Irgendwann an einem schönen Frühlingstag  – schon wieder Frühling, denkt ihr vielleicht; es kann auch im Sommer oder Herbst gewesen sein, so genau weiß ich das nicht mehr – da gingen sie in die Greisslerei mit dem Geld einkaufen, an dem noch ein bisschen der Geruch von einem Feuer hing. Naschzeug und Comic-Heftchen. Sie schlenderten die Straße entlang, als sie Motorenlärm aufhorchen ließ. Ein riesiger LKW donnerte viel zu schnell die Straße entlang. Er kam direkt auf die beiden zu, bremste nicht einmal ab. Der Lastwagen erfasste die beiden Kinder und schleuderte sie wie Puppen durch die Luft. Margarete schlug mehrere Meter entfernt auf und blieb mit gebrochenem Genick tot liegen. Hannes wurde nach vorne katapultiert und kam unter die Räder. Auch er war sofort tot. Keine noch so winzige Chance hatte bestanden. Für keinen der beiden.

In ihren Gesichtern blieben Entsetzen und Unglauben.

Sie hatten Frau Riedler am Steuer sitzen sehen. Sie lächelte ein zahnloses Lächeln. Sie fuhr nämlich nach Hause. Zu ihrem Haus am Ende der Straße.

 
 
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