Dornröschen.

Es ist wieder Sonntag und ursprünglich wollte ich euch immer sonntags eine Geschichte erzählen. Leider funktioniert das nicht ganz so wie ich mir das vorgestellt habe und es hat nicht für eine ganze Geschichte gereicht.

Jetzt hat es sich aber ergeben, dass ich kürzlich Dornröschen getroffen habe.
Könnt ihr euch meine Aufregung vorstellen? Das berühmte Dornröschen, dessen Geschichte ein jeder kennt. Also zumindest den Teil ihrer Biografie bis zum 100jährigen Schlaf und die darauf folgende Hochzeit mit dem Prinzen.
Da stehe ich auf einmal vor ihr. Ich weiß, ihr wollt das sicher wissen. Und ich kann es euch bestätigen. Die 100 Jahre sieht man ihr nicht an. Sie schaut fabelhaft aus. Ich muss sie einfach ansprechen. Wie oft passiert es schon, dass man jemand so Berühmtem mir nichts dir nichts drein rennt? Ich frage sie also ganz schüchtern, ob sie mir vielleicht ein paar Fragen beantworten würde, weil ich ein paar Recherchen für eine Märchengeschichte mache. Und weil sie für mich so inspirierend ist, weil so geheimnisumwoben. Es gibt ja kaum wirklich haltbare Informationen über sie. Ich traue mich kaum zu fragen. Bin irgendwie auf Rückzug und Flucht eingestellt. Man weiß ja nie so genau wie so Prinzessinnen drauf sind. Vielleicht ist sie eine hochnäsige Zicke, die mich komisch angeht, weil ich es wage, sie auch nur anzusprechen. Aber nein, weit gefehlt. Sie ist sympathisch, zuvorkommend, nett. Ja gern, sie hätte ein wenig Zeit. Ob wir einen Kaffee trinken wollen, fragt sie und deutet auf ein Café gleich in der Nähe. Es gäbe da einige Missverständnisse, die sie gerne aus der Welt schaffen würde.
Ich: Von welchen Missverständnissen sprichst du?
D.: Nun, zuallererst von dieser Sache mit dem 100jährigen Schlaf. Und dann war da auch noch diese Spindel, an der ich mich gestochen haben soll.
Ich: Aber war es denn nicht so? Ich bin verwirrt. Erzähl doch!
D.: Aber nein. Wie soll ich 100 Jahre schlafen? Das haben sich die Leute doch nur ausgedacht, weil ich mich so selten sehen gelassen habe. Tatsächlich ist es ja so, dass ich eine ziemlich beschäftigte Frau bin. Und ich bin ein absoluter Nachtmensch. Also arbeite ich vor allem nachts. Da lese und schreibe ich. Ich schreibe schon seit vielen Jahren Horror-Bücher. Ihr kennt sie sicher. Da kommen Clowns vor und Revolvermänner und Geister. Gruselige grausige Sachen eben. Aber für eine Prinzessin ziemt sich das nicht, sagt mein Vater. Begeistert ist er nicht von meinen Horrorgeschichten, aber er kann mir nichts abschlagen. Ich brauche ihn nur ganz lieb anschauen, ihn am Bart kraulen und „Papilein!“ nennen. Allerdings schreibe ich unter einem Pseudonym. Auf das konnten mein Paps und ich uns schließlich einigen. Ganze Nächte schmeiße ich mir um die Ohren. Natürlich bin ich dann müde und schlafe umso länger. Zumindest einen Vorteil muss es ja haben, eine Prinzessin zu sein. Ehrlich, schau mich an! Über hundert Jahre soll ich sein? Mitnichten!
Ich: Du Dornröschen schreibst unter einem Pseudonym? Wirklich? Das finde ich mega cool. Du willst doch nicht etwa sagen, du schreibst als St. King?
D.: Doch. Das will ich damit sagen. Aber verrate es doch bitte keinem. Und nenn mich bitte Stefanie. Das mit dem Dornröschen ist so nervig.
Ich: Ja, aber wie war das nun mit der Spindel?
D. lacht laut auf: Mein Vater hat das mit der Schreiberei herausbekommen und war entsetzt. „Jetzt fängt sie vollends zum Spinnen an!“ hat er herumgeschrien. Dass ich nicht mehr ganz rund renne und am Rad drehe. Irgendwann hat sich das dann einfach so ergeben, dass ich begann, Gerüchte zu streuen. Dass ich mich an einer giftigen Spindel gestochen hätte. Dass ich jetzt in ein Wachkoma gefallen wäre. Dass ich in der Psychiatrie gelandet sei. Mit dem Rad, das nicht mehr rund läuft, lassen sich viele Wortspiele finden.
Ich: Was hast du all die Zeit getan?
D.: Na was denn wohl! Ich bin unbehelligt in meinem Schloss gesessen und habe weiter Bücher geschrieben. Was mir so ganz Recht war. (Sie grinst ganz breit und frech dabei.)
Aber meinem Papa hat das nicht gefallen. Anfangs hat er das einfach hingenommen, aber ich bin älter geworden und die potenziellen Heiratsanwärter sind ausgeblieben. Will ja keiner eine haben, die im Oberstübchen womöglich ein wenig plemplem ist. Also hat er herumüberlegt, wie er das wieder hinbiegt. Im übrigen kannst du dir ja denken, dass mir das ziemlich lästig war. Ich finde, ich komme sehr gut allein zurecht. Aber der Herr Papa muss ja immer und überall die Fäden ziehen. Viele Diskussionen hatten wir deshalb. Ich habe ihn dann einfach machen lassen. Er hat auch viel Fantasie. Irgendwoher muss ich das Talent ja haben.
Ich: Wie ging es dann weiter?
D.: Mein Vater hat ein paar Informationen verbreitet, die Klatschpresse hat sich darauf gestürzt, die Papparazzi belagerten das Schloss, ich habe mich auf dem Balkon sehen lassen. Fertig. Mehr braucht es nicht. Dornröschen war aus dem langjährigen Schlaf erwacht und der Prinz kam auch schon daher zum Retten.
Ich: Wo ist der Prinz jetzt?
D.: Ach, der Prinz ist ein entfernter Bekannter von früher. Adelig. Er ist ganz okay. Wir haben eine ziemlich lockere Ehe. Er treibt sich in der Welt herum und beschäftigt die Lügenpresse. Ich werde als arme betrogene Ehefrau bemitleidet, die sich in ihrem Kummer in ihrem Schloss verkriecht.
Ich: Stört dich dieses Gerede nicht?
D.: Die Leute reden doch immer. Ich sitze wieder in meinem Kämmerchen und schreibe wie früher schon meine Bücher. Es hat sich nicht soviel geändert.
Es erheitert mich sehr, dass sie meine Bücher wie verrückt kaufen und so ein Getue um den zurückgezogenen Schriftsteller machen und dabei nicht ahnen, dass das in Wirklichkeit die spinnerte Prinzessin in ihrem Efeu überwucherten Schloss ist.
Ich: Und wie kommt es, dass ich dich heute hier in der Stadt treffe?
D.: Manchmal muss selbst ich ein wenig raus und unter Leute. Es kennt mich ohnehin keiner. Abgesehen davon habe ich mich verliebt. Ich treffe mich dann gleich mit ihm. Endlich jemand, der mich so nimmt, wie ich bin. Wir kennen uns schon länger. Aber ich muss jetzt los, hat mich gefreut.
Ich: Darf man fragen, wen du triffst?
D.: Natürlich darfst du fragen. Aber ich verrate es dir nicht. Vielleicht ist es der gestiefelte Kater.
Da lacht sie schelmisch und glockenhell auf, schiebt sich die große Sonnenbrille ins Gesicht und geht davon. Einfach so. Dreht sich nicht mal mehr um. Aber sie sieht sehr glücklich aus.

Ich bin sprachlos.

Ich glaube, ich schmeiße jetzt alles hin und werde auch Prinzessin.



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2 Gedanken zu “Dornröschen.

  1. Ach sooo ist das! Gut, dass du als investigative Reporterin solche Fehlinformationen aufdeckst. Ich kann mit Dornröschen nachfühlen. Leider bin ich nur keine Prinzessin und kann mir den Luxus nicht leisten, den Tag durchzuschlafen. Frechheit eigentlich. Ich möchte auch Prinzessin sein.

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