Das gestreifte Lama

Es war einmal ein graues Lama, das hat seine Unterwolle für fleissige Spinnerinnen und Strickerinnen gelassen. Damit es nicht gar zu langweilig wird, hat es sich vorher noch einmal ordentlich im Staub gewälzt. Damit die Wolle womöglich noch grauer wird.
Dann ist die Lamawolle über eine liebe Freundin zu Frau Vro gekommen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Aber so ungetrübt war die Beziehung der beiden dann doch nicht. Sie musste beim Verspinnen ziemlich niesen, weil das süsse Lama sich ja im Dreck gewälzt hatte. Frau Vro war nachdenklich. „Du Lama, mir kommen die Tränen, wenn ich mit dir zusammen bin. Die Nase rinnt auch. So wird das nichts mit uns beiden.“ Das Lama heulte auf: „Oh nein, bitte. Du kannst dich doch jetzt nicht schon wieder von mir trennen. Probieren wir es doch noch mal. Ich lasse mich behandeln. Okay?“

Also hat Frau Vro das Lama behandelt und die Fasern durchgewaschen. Tatsächlich, es war vorbei mit dem Niesen. Das Lama atmete erleichtert auf. Es durfte bleiben. Stunde um Stunde verbrachten sie beim Spinnrad. Schon bald war die erste Spule voll gesponnen.

Leider hat sich Frau Vro wieder einmal ablenken und  die Wolle liegen lassen. Es wurde Sommer und in der heißen Jahreszeit hat sie sich für das kuschelwarme Lama wirklich nicht interessiert. Die restlichen Fasern vom Lama wurden im Regal verstaut.
In jenem Sommer bekam ihr Lama heimlichen Besuch von leidenschaftlichen kleinen Tierchen. Die hatten das Lama zum Fressen gern. Aber das merkten die beiden dann erst im Herbst.
Da hatten sich in der Schachtel mit den Fasern doch tatsächlich ein paar Motten einquartiert. Frau Vro klaubte die Larven und Kokons heraus, übersiedelte die Schachtel samt Inhalt in den Tiefkühler und blieb eigentlich recht gelassen. Das Lama hatte ein paar Haare gelassen und war guter Dinge.
In der Zwischenzeit kam Frau Vro ein wunderschönes Batt an Merinofasern mit knallbuntem Farbverlauf in die Finger. Es ist ja nun nicht so, dass sie immer strikt nur eine Sache am Laufen hat. Das kann man Kreativität nennen oder etwas un-charmanter „Mit einem Hintern auf mehreren Kirtagen“. 
Trotzdem war das in diesem Fall gar nicht so schlecht. Weil da plötzlich diese Idee war! Das Lama wollte bunte Streifen haben und nicht nur grau in grau bleiben. Außerdem wollte das Lama nicht nur ein 08/15 Pulli werden. „Nein, ich weiß etwas viel Besseres“, schrie das Lama begeistert und hüpfte vor Freude im Kreis herum. „Ich will ein Kleid werden!“ Ganz aufgeregt war es und hat auch Frau Vro damit angesteckt.
Das Spinnrad wurde entstaubt. Frau Vro hat zügig den Farbverlauf gesponnen und mit dem grauen Lama verzwirnt, damit die Wolle lange lange reicht. Das Lama war total aus dem Häuschen. 
Weil das Lama so ungeduldig war, hat Frau Vro gleich nebenher zum Stricken begonnen. Lange Zeit ging alles gut. Doch dann holte sie den früher fertig gesponnenen Strang hervor. Das Lama und sie freuten sich, weil es jetzt zügig dahingehen würde mit den Streifen und dem Stricken. Doch als sie den Strang auf ein Knäuel wickeln wollte, sah sie das Desaster. Die gefräßigen Motten waren auch hier gewesen und hatten ganze Arbeit geleistet. Das Lama spuckte vor lauter Entrüstung. 
Frau Vro war richtig böse. Um ein Haar wären das Lama und der bunte Farbverlauf wieder in einer Kiste gelandet. Einem hysterischen Lachen nahe überlegte Frau Vro, ob sie die Wolle vielleicht überhaupt gleich wegschmeißen sollte. Das Lama kreischte entsetzt auf: „Wegschmeißen! Geht da wirklich nichts mehr?“ So hat Frau Vro schließlich in mühevoller Arbeit lauter kleine Knäuelchen gewickelt. Aus und vorbei mit „flott voran“. Trotzdem! Noch war nicht alles verloren. Streifen ließen sich durchaus noch stricken.
Am Ende ist dann doch noch alles gut geworden. Das Lama hat viele bunte Streifen bekommen und ist ein Kleid geworden. Superkuschelig hüllt es seine Trägerin warm und weich in Wohlbehagen. So froh ist das Lama, dass es nicht auf dem Kompost gelandet ist.

Trotzdem bleiben die beiden noch auf der Hut. Wer weiß, ob wirklich alle Motten ausgeflogen sind. Sollten noch einmal welche herumschwirren, werden sie ohne Bedauern gemeuchelt. Da kennen die zwei keine Gnade.

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