Brillantine und der alte Fritz

Der alte Fritz freut sich. Jemand neuer soll hier einziehen. Nette Gesellschaft hoffentlich. Manchmal ist das Leben etwas eng und langweilig. So gesehen wird es wirklich endlich Zeit für etwas Neues.
Er wohnt selber noch nicht lange da. „Da“ – das ist der kleine feine Wintergarten in einem Einfamilienhaus mit Vater, Mutter und zwei Kindern.
Der Wintergarten ist das Domizil von Frau Vro. Hierher verirren sich die anderen Familienmitglieder nur selten. Das ist nicht nur dem alten Fritz ganz angenehm. Er wohnte früher in einem Reihenhaus bei alten Leuten gemeinsam mit anderen alten Dingen, antiken Möbeln und Perserteppichen. Der alte Fritz ist ein Nähtisch. So einer mit gusseisernem Gestell, auf dem ursprünglich eine Nähmaschine montiert war. Die ist allerdings längst fort. Er hat keine Ahnung, was damit passiert ist. Die Leute von früher hatten ihm eine ovale Glasplatte aufgelegt und so stand er jahrelang da in einer Zimmerecke. Jetzt waren die alten Leute gestorben oder umgezogen und die jüngeren neuen Leute hatten kein Interesse mehr an ihm.
Frau Vro mag alte Nähtische. Ewig schon ist sie auf der Suche nach einem. Freudig hatte sie ihn daheim willkommen geheißen und ihm einen Platz im Wintergarten freigeräumt. Da steht er jetzt und freut sich wieder. Ein Spinnrad und ein Notenständer leisten ihm Gesellschaft, hin und wieder schaut Lucia vorbei. Die alte Akkordeon-Dame ist normalerweise drinnen, weil sie die Hitze nicht verträgt, die manchmal hier im Wintergarten herrscht. Das Tango-Akkordeon ist eine elegante Erscheinung in schwarz und mit ihr kann er sehr gepflegte Konversation betreiben. Mit dem Spinnrad hingegen ist es immer lustig, und auch der lange dürre Notenständer ist kein Kind der Traurigkeit.
Nur einer ist mürrisch und keine netter Zeitgenosse. Der Dreierspot an der Wand. Der glaubt ja, er sei der Größte mit seinen drei Leuchten. Mit denen fuchtelt er in der Gegend herum und gibt trotzdem kein ordentliches Licht. Da sind nur drei so kleine Funzeln, mit denen er trotzdem mächtig angibt. Auch Frau Vro hat keine Freude mit der Lampe. Überhaupt ist sie der Meinung, dass er – der alte Fritz – eine passende Lichtquelle verdient hätte. Jetzt steht er da so mittig mit einer Spitzenstrickdecke und dann ist da nur dieser öde Dreierspot…
Seit einiger Zeit schon ist sie auf der Suche nach etwas Passenderem. Der alte Fritz hatte davon gehört, aber Genaueres wusste er auch nicht. Doch jetzt sollte es wirklich ernst werden. Der arrogante Dreierspot kommt weg. Im Wintergarten freuen sich alle. Naja, fast alle.
Angeblich soll ein Kronleuchter hier reinkommen, macht das Gerücht die Runde. So ein nettes verspieltes Ding aus der großen Stadt, das lieber aufs Land zieht als auf den Schrottplatz. Die Leuchte hat sich schon auf den Weg gemacht. Sie geht von Hand zu Hand, beschwingt wie beim Tanzen. Morgen dann ist es soweit. Morgen soll der Kronleuchter hier einziehen.

Dann ist sie da. Brillantine. Noch eingestaubt von den Strapazen der Reise, aber nichtsdestotrotz zauberhaft. Der alte Fritz ist ganz verliebt. Frau Vro hat den Kronleuchter vorübergehend auf dem Nähtisch abgelegt. Ganz erschöpft liegt Brillantine da. Die Kerzenteller dreckig. Die Glassteinketten verknotet und nur matt glänzend. Die Messingarme fleckig. Der alte Fritz ist glücklich.
Frau Vro putzt und poliert. Vorfreude schwingt und flimmert in der Luft. Manchmal klingeln die geschliffenen Glassteine leise und hell. Wie anmutig sie das tun! Brillantine genießt die Behandlung, fühlt sich danach wie neu. Der alte Fritz ist hin und weg und verliebt sich noch heftiger. Obwohl er den Kronleuchter noch kaum kennt.
Brillantine und der alte Fritz. Die beiden freunden sich schnell an. Brillantine erzählt von einem ähnlichen Schicksal wie er: auch sie wurde nicht mehr geliebt und gebraucht, als das Haus mit allem Drum und Dran den Besitzer wechselte.
„Oh Brillantine“, flüstert der alte Fritz, „so nahe werde ich dir nie wieder sein können.“ Schon will er sich dem kommenden Verlustschmerz hingeben. Er merkt ja die Betriebsamkeit rundherum. Wie eine Stehleiter aufgestellt wird und Werkzeug bereit gelegt. Bald wird es soweit sein, dass die Leuchte an der Decke montiert wird. Doch Brillantine, der fünfarmige Kronleuchter mit gedrehten Kerzen, beugt anmutig die Arme und flüstert zurück: „Ich bin gerade erst angekommen und du jammerst schon? Es wird alles ganz wunderbar, du wirst schon sehen! Ich kann nicht hier liegen bleiben. Ich brauche die luftige Höhe. Das ist mein Wesen. Ich muss leuchten können. Sei nicht traurig! Ich bleibe bei dir. Ich werde dich in warmes Licht hüllen.“

Genau so geschieht es dann auch. Trotzdem ist Brillantine eines Tages ganz still und nachdenklich. Ihr Herzstein mitten drin ist nicht mehr da. Es war anfangs kaum aufgefallen. Aber da sind nur sechs Glassteine und kein abschließender Glastropfen. Sie fühlt sich ungenügend und mangelhaft. Der alte Fritz versucht sie zu trösten: „Schau doch, mir fehlt auch der komplette Aufsatz. Aber mit der Glasplatte fühle ich mich wieder gut. Es wird sich auch für dich etwas finden! Du wirst schon sehen!“ Und tatsächlich bringt Frau Vro eines Tages ein kleines Schächtelchen. Alle recken und strecken sich, um besser sehen zu können. Behutsam holt sie einen Glaskolibri heraus. „Donatello, wo warst du bloß die ganze Zeit?“, tönt es rundherum. So erzählt Donatello vom Adventmarkt, wie Frau Vro ihn unbedingt haben wollte, aber ihn dann aus Angst, er könnte brechen, in seinem Schächtelchen in einer Lade verwahrte. Und vergaß. Bis heute. Weil sie jetzt plötzlich ganz genau weiß, wo er hingehört. Vorsichtig fädelt sie das Nylonbändchen in die Öse in der Mitte vom Kronleuchter ein. „Oh oh oh“, haucht Brillantine hingerissen, “ ich habe ein buntes flatterhaftes Herz. Wie wunderschön!“ Und auch Donatello freut sich. Er dreht sich langsam hin und her und überblickt die Umgebung. Endlich wieder im Licht!

Der alte Fritz steht fest am Boden und Brillantine schwingt in der Höhe und überblickt alles, erleuchtet alles, beobachtet alles gemeinsam mit Donatello in ihrer Mitte. An warmen Sommertagen lassen sie sich von der Sonne anscheinen. Dann dösen sie im warmen lichtgefluteten Wintergarten vor sich hin und der Notenständer und das Spinnrad erzählen Geschichten. Lustige und traurige. Welche über die Liebe und wieder andere von Monstern. Manchmal hört auch Frau Vro gut zu und schreibt sie dann für euch auf.

Es war übrigens eine dabei über einen Dreierspot, der dachte, er sei etwas Besonderes mit seinen drei Spots. Und der fassungslos mit ansehen musste, wie ein alter Kronleuchter mit fünf Armen seinen Platz einnahm.
Wo der Dreierspot jetzt ist? Ach ich weiß nicht. Kann sein, dass er ein dunkles Kellerabteil erleuchtet, wo noch mürrischere und grantigere Dinge ihr Dasein fristen – eine arbeitslose Schneeschaufel vielleicht oder eine rostige Schubkarre oder ein Stoß Holzscheite, wild und roh und ungestüm, die nur darauf warten, dass sie endlich jemandem einheizen können.
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