Woll-affin

Ich und Wolle sind ein ganz eigenes Kapitel.

Das ist wohl schon immer so. Nur ist es in meinen jüngeren Jahren nicht so aufgefallen. Oder es hat sich nicht so dramatisch ausgewirkt, so ohne Geld und Möglichkeiten.

So schlummert meine Begeisterung für Wolle jahrelang still vor sich hin, das kleine Flämmchen kann sich gerade noch so am Leben erhalten.

Eine andere Dimension bekommt das Ganze mit der Geburt meiner Kinder. Auf einmal habe ich Zeit zum Stricken. Babysachen. Kuscheltiere. Hauberl. Sockerl. Westerl. Kleine Sachen, die bald fertig sind. Endlich Wolle kaufen. Pflegeleicht. Ich habe noch keine Ahnung von Merino und Superwash und was weiß ich noch alles. Aus dieser Zeit gibt es reichlich Restbestände: Meine Polytierchen. 100% Polyacryl. In bunten Farben. Gut zu waschen. Mottensicher. Un-filzbar.

Heute mag ich mir daraus nichts mehr stricken. Was ja eigentlich eine eigenartige Sache ist. Meine ganze Sportbekleidung ist aus Kunstfaser, aber bei der Wolle die ich verstricke, sollen es auf einmal nur Naturfasern sein?

Meine Ansprüche wandeln sich. Das Pensum an verstrickter Wolle ebenfalls. Irgendwann verstricke ich in einem Jahr beinahe eine Marathonstrecke an Woll-Laufmetern. Schön irre! Die Strickerei nimmt Suchtpotenzial an. Mich trifft man nirgendwo ohne mein Strickzeug an. Ich hänge buchstäblich an der Nadel.

Zu der Strickerei kommt ein Spinnrad. Also ziehen zu all den Wollvorräten auch noch säckeweise Wollfasern in unser Haus ein. Als fertige Kammzüge. Als gefärbte Batts. Als naturfarbene Locken vom Schaf.


Und natürlich auch die ungewaschene Rohwolle. An heißen Sommertagen werke ich im Garten. Wolle in Wasser einweichen. Durchwaschen, in neues Wasser geben, schwemmen. Alles riecht nach Schaf. Die Kinder halten sich die Nase zu und suchen das Weite. Der Nachbarhund nimmt Witterung auf und ist am Durchdrehen. Ich denke besser nicht darüber nach, was ich mir da angefangen habe.

Mein Vorrat an Wolle und Fasern ist riesig. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn zu Lebzeiten verarbeiten kann.

Doch nicht genug mit alle dem. Ich fange zu färben an. Erste Versuche mit Ostereierfarben. Im einen Topf färbe ich die Ostereier, daneben simmert leise die Wolle im Farbsud vor sich hin. Ich überlege, ob ich nicht doch auch schon ziemlich eiere. 

Danach gehe ich Pflanzen sammeln. Rhabarber, Veilchenblüten, Rainfarn, Goldrute, Birkenblätter. Am alten Herd im Keller habe ich die Farbe und später die Wolle am Brodeln. Vor der Haustür stehen wochenlang große Gläser mit Wolle und Blüten für die Solarfärbung.

 

Jetzt habe ich die gewaschenen Wollfasern, aber ich kann sie nicht gut verarbeiten. Es zieht eine Kardiermaschine ein. Es ist unumgänglich! Ich kardiere meine Wollfasern und mache meine Batts selber. Danach spinnen. Später verstricken. Oder auch häkeln.

Schließlich eine Ernüchterung. Ich mag nicht nur die robuste, etwas kratzige Bergschafwolle haben. Mir ist nach neuen Fasern. Nach und nach probiere ich Neues aus. Zuerst Alpaka. Dann Lama. Haare vom Hund. Wolle vom Angora-Kaninchen. Verschiedene Schafrassen. Bergschaf. Waldschaf. Merinoschaf. Blue Faced Leicster. Im oberen Waldviertel soll es einen Bison-Züchter geben. Ich werde hellhörig. Ich hätte gern die Unterwolle von den Bisons. Bis heute bin ich nicht dazugekommen dort nachzufragen. Aber es steht immer noch auf der imaginären ToDo-Liste.

Langhaarigen Katzen oder Hunden schaue ich mit begehrlichen Blicken nach – die Schere gedanklich schon in der Hand. Wer weiß, ob ich nicht nächtens einem armen Vierbeiner auflauere?

Auf einem von mir genütztem Stück Acker wächst der Lein. Blüht mit hübschen zarten hellblauen Blüten. Im Herbst schneide ich die harten faserigen Stängel ab. Lasse sie wochenlang auf dem Feld liegen, bis sich die groben Außenfasern von den Bastfasern lösen. Nebenbei ernte ich ein Viertelkilo Leinsamen. Was für eine mühselige Arbeit. Ich bin ja total deppert! 
Die Fasern lösen sich – teilweise. Ich bin grundsätzlich auf dem besten Weg zum Flachs. Aber weiter komme ich nicht mehr. Mir fehlen die richtigen Werkzeuge. Wird wohl doch nichts mit dem selbsterzeugten Leinen zum Weben. Aber prinzipiell war ich auf dem richtigen Weg.

Neben unserer Siedlung ist ein großer Obstgarten. Irgendwann machen die Pächter einen ordentlichen Baumschnitt und lassen die Äste liegen. Ich hole mir welche und sitze stundenlang mit dem Sparschäler im Garten und ernte Apfelbaumrinde zum Färben. Ich bekomme Blasen an den Händen. Die Nachbarn müssen denken, dass ich total plemplem bin.

In unserem Schlafzimmer habe ich eine halbe Wand mit durchsichtigen Kunststoffkisten vollgestellt, in denen meine Wollschätze wohnen. In der einen die selbstgesponnene, in einer anderen die Polytierchen, in einer weiteren die Sockenwolle und wieder in einer anderen meine wirklichen Schätze. Die exklusiven Stränge mit Seide, Yak, Angora. Die Endorphine wallen hoch, wenn ich sie vor dem Einschlafen noch einmal zärtlich mit Blicken streichle und mir überlege, was ich daraus machen könnte.

Ich habe mir jetzt übrigens ein Woll-Kauf-Verbot auferlegt. Zuerst muss der Vorrat kleiner werden. Dieses Vorhaben klappt nur leider nicht so gut. Bei Wolle versagt schon mal die Disziplin.

Wenn ich in ein Wollgeschäft reinkomme und da liegen die Knäuel und Stränge farblich sortiert, korrekt gestapelt in ihrer perfekten Vollkommenheit. Wenn ich dann auch noch die Wolle befingern darf und die superweichen Fasern so anschmiegsam sind, als wollten sie sagen: „Nimm mich bitte mit!“ – Da muss ich dann wohl, oder? Sie brauchen doch eine neue Heimat, oder? Und artgerechte Haltung, oder?

 

Meine schlimmste Suchtphase habe ich trotzdem überstanden. Ich hänge nicht mehr so häufig an der Nadel. Ich bekomme kein nervöses Zittern mehr, wenn ich mein Strickzeug daheim vergesse. Ich nehme zu Wartezeiten jetzt sogar manchmal ein Buch mit und nicht das 100ste Haubenprojekt. Ich träume auch kaum noch vom Stricken.

Aber da ist immer noch die Opossumwolle, die ich einmal verstricken wollte…

Und mit den gesammelten Zwiebelschalen möchte ich färben…
Spinnen will ich auch mal wieder…


Weben habe ich noch nicht ausprobiert. Gott sei Dank ist für einen großen Webstuhl in diesem Haus kein Platz. Womöglich käme ich auf unselige Ideen.


 
 
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2 Gedanken zu “Woll-affin

  1. Pingback: Häuslbauer-Projekt Teil 2. Immer noch fortscheitender Wahnsinn. | vro jongliert

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